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-a-4^> JAMES MC. NEILL WHISTLER f
DANIELE DE STROBEL »AD TANTA NATI SU MUS« (Mittelbild)
Fünfte Internationale Kunstausstellung in Venedig
JAMES MC. NEILL WHISTLER f
Am 18.Juli diesesjahres ist, neunundsechzigjährig,
in seinem Hause zu Chelsea Whistler gestorben.
Mit ihm ist nicht nur einer der bewundertsten Künstler
des neunzehnten Jahrhunderts dahingeschieden,
sondern eine der feinsten, stärksten und eigenartigsten
Erscheinungen der Kunst überhaupt. Es wäre
falsch zu sagen: der amerikanischen oder der englischen
Kunst; denn Whistler ist der Schöpfer einer
eigenen künstlerischen Kultur, die nicht im Geschmack
und Charakter einer bestimmten Nation,
sondern in den sublimsten Schöpfungen der sublimsten
Künstler Europas und Asiens und in einem
außerordentlichen persönlichen Geschmack ihre
Wurzeln hat. Mit diesem Geschmack hat Whistler
vermocht, den französischen Impressionismus, die
Kunst Japans und die des Velazquez zu einem
neuen Ausdruck von Empfindungen zu verschmelzen,
die individuell und schön sind. Die Entwicklung
des malerischen Geschmacks in Europa erfuhr durch
ihn eine ungeahnte Beschleunigung, die Kunst am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine der lebhaftesten
Anregungen. — Whistler wurde als Sohn
eines irischen Amerikaners 1834 zu Lowell (Mass.)
in Amerika geboren, verlebte seine Kinder- und
Jünglingsjahre in Rußland und Amerika und kam,
nachdem ihm der zuerst gewählte militärische
Beruf nicht zugesagt, nach Paris, um 1856 als Schüler
in das Atelier des Klassizisten Gleyre einzutreten.
Die bald darauf einsetzende Begeisterung des jüngeren
Pariser Künstiergeschlechts für Velazquez führte
den jungen begabten Mann mit dem gleichaltrigen
Manet und dessen Kreis, der sich den scherzhaften
Namen Ecole de Battignolles gab, zusammen. Er
machte mit den Freunden die Entwicklungsjahre
des Impressionismus durch und empfing in ihrer
Mitte die Offenbarungen, die Anfang der sechziger
Jahre des verflossenen Säkulums mit den Farbendrucken
der Japaner nach Paris kamen. Von da
ab ging er eigene Wege. Suchten die um Manet
die Reize des hellen Lichtes und der von diesem
glänzenden Farben in Bildern zu fassen, so zog
ihn der Zauber des verklingenden Lichtes, der süße
Klang der sinkenden Dämmerung und die geheimnisvolle
Schönheit der von himmlischen und irdischen
Feuern durchfunkelten Nacht an. Schreckten jene
vor keiner lauten und heftigen Aeußerung der Wirklichkeit
zurück, und folgten sie willig dem Ruf des
Lebens, so gehörte seine Neigung den zartesten und
subtilsten Dingen der Erscheinungswelt und der
Zeit der Träume. Er dematerialisierte die Wirklichkeit
und hielt nur ihren zarten Schein fest. Das
Seltene, Delikate, Duftige, Exquisite wurde seine
Domäne. Von Whistler stammt das Wort: »Kunst
ist Wahl«. In der »Kunst des Auslassens* wär er
ein Meister. Die Vielheit der Farben in der Wirklichkeit
reduzierte er gern auf zwei oder drei, die
er aber in einer Weise zu vermählen und abzuwandeln
wußte, daß seinen Bildern der koloristische
Reiz nicht fehlt. Er führte die Details der Zeichnung
zurück auf ein paar große und ausdrucksvolle
Linien und konnte es wagen, mit ihrer Hilfe das
Kapriziöse der japanischen Komposition in die
Malerei zu übertragen, wobei ihn ein unerhört
feines Gefühl für die Wirkung der einzelnen Farbenkomplexe
und deren geschmackvollste Anordnung auf
der Fläche des Bildes unterstützte. Whistler teilte mit
den Impressionisten das Schicksal, daß seine ersten
ANDERS ZORN BILDNIS DER FRAU Z.
Kunstausstellung in Venedig
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