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-sr-s^> DIE JAHRES-AUSSTELLUNG IM MÜNCHENER GLASPALAST <^~*~
meinetwegen Häßliches, wenn man dieses
kunstkritisch wertlose Wort einmal anwenden
will, in der Scholle finden, aber es steckt
in all diesen Dingen so viel Gesundheit und
Urwüchsigkeit, die Bewunderung vor den
noch ungeordneten Kräften abringt. Denn
also sprach Zarathustra: „Ich sage Euch.
Man muß noch Chaos in sich haben, um
einen tanzenden Stern gebären zu können".
Freilich ist nun Reinh. M. Eichler's „Naturfest
" noch kein Stern am Kunsthimmel, aber
immerhin sind diese auf verwitterten Riesenbaumstämmen
dem drohenden Unwetter entgegenjauchzenden
Sumpfweiber, mit ihren
aalglatten Extremitäten, mit einem Wollen
hingemalt, vielmehr hinausgeworfen, wie es
nur in Jugendwerken tüchtigen Künstlern
gelingt. Auch will es etwas besagen, eine
solche Riesenleinwand zu bewältigen, dazu
gehört allein schon Mut und Energie, die
Beifall verdient.
ludwig keller bildnis
Jahres-Ausstellung im Miinchener Glaspalast
Als Beigabe sind dann noch ebenfalls von
Eichler auf gebeizten ungrundierten Holztafeln
Gemüse, Früchte, Wild, Geflügel,
hingewürfelt, wie es der Zufall mit sich
brachte, gemalt. Für ein Landhaus könnten
sie eine passende Dekoration abgeben.
Fritz Erler's „Phantasie am Ammersee"
tritt gegen seine vorjährige Leistung zurück,
obgleich diese badenden Frauen am Strande
von guter Beobachtung der Lokaltöne sprechen,
nur darf man diese Gestalten nicht auf ihren
Knochenbau prüfen. Die abgeschlossenste
Leistung in der Scholle ist die Primeln und
Dotterblumen tragende, in heiterer Frühlingslandschaft
dahinschreitende Dame von Walth.
Georgi. Man kann dieses Bild ruhig mit
allen anderen Werken ähnlicher Art der
heurigen Ausstellung vergleichen, um zu
sehen, um wie viel Georgi, schon wie er mit
dem Räume umzugehen weiß, dabei mühelos,
vor allem plastisch malt, die anderen überragt
. Diese Freiheit von jeder sichtbaren
Schwierigkeit besitzen auch manche andere
Bilder seiner Kollegen, so z. B. W. Püttner's
effektvolle, sonnendurchflutete Interieurstudie,
Adolf Münzer's „Dame im Morgenkleid"
und Erler-Samaden's strenger Winter der
arktischen Regionen, mit welchem Nordlandsbilde
der Maler den Beschauer eisig zu
fesseln versteht. Aus all den Werken dieser
jungen Künstler tönt eine Lust, eine jugendliche
, fast kindliche Freude am Malen, ein
hervorsprudelndes Jauchzen, die Erscheinungen
des Lebens mit dem persönlichen
ungestümen Empfinden in Einklang zu bringen.
Solche herbe Frische wirkt angesichts so
vielen Zuckers, den man im Glaspalaste noch
immer finden kann, wohltuend. Oefter jedoch
darf man nicht an diese Werke herantreten,
denn für die Dauer verlangt unser deutsches
Empfinden etwas mehr als eine zum Plakat
hinneigende Kunst.
An die Scholle gliedern sich noch über
ein Dutzend Korporationen mit fast zwanzig
Sälen an. Erfreulicher wirkt in diesem Jahre
der Anblick italienischer Malerei, da man
die Verkaufsware der römischen Aquarellisten
in einem leicht zu übersehenden weitentlegenen
Raum unterbrachte. Gegenüber den
leeren Effektstücken, wie die umfangreiche
Weinlese von Viniegra y Lasso, und dem
ebenso großen als dünn gemalten Sturmbilde
von Aivasovski, erscheinen die Schleswig-
Holsteiner in ihrer nordischen Herbheit als
Erlöser. Der Münchener Heinr. Rasch hat
in der „Einfahrt der Fischerboote" einen Treffer
gemacht. Köstlich sind die in naivster Anschauunggemalten
Interieurs von KarlJessen,
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