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-sr4^> DIE JAHRES-AUSSTELLUNG IM MÜNCHENER GLASPALAST-C^-s-
Karl Schickardt's Landschaften sind bei
aller Unterordnung des Kleinlichen von unübertrefflicher
Farbenpracht. Dieser erglühende
Abendhimmel über dem einsamen
Dörfchen zeigt ein ausgeprägtes Gefühl für
das künstlerisch Dekorative.
In der Karlsruher Kunst-Genossenschaft
herrschen wie im vorigen Jahre Alex. Koester
mit drei brillanten Entenbildern, Otto
Propheter mit mehreren Bildnissen vornehmer
Persönlichkeiten (eines abgeb.a. S. 549),
er scheint sich jetzt von Lenbachscher Kunst
beeinflussen zu lassen. Gern gesehen werden
auch die Bilder Kaspar Ritter's, sein „Opfer",
ein weiblicher Rückenakt in merkwürdiger,
hellgrünlicher Beleuchtung, gehört schon ins
Gebiet der Romantik, wie denn Ferdinand
Keller schon ganz in diesem Wunderlande
heimisch ist. Realer und überzeugender geht
es im Karlsruher Künstlerbunde zu. Hans
von Volkmann's großzügige Landschaft, Ost-
hoff's stiller Mondaufgang über dem Teutoburger
Walde und Bergmann's wuchtige
„Schilfernte" (Abb. s. S. 551), insbesonders
seine „Herbstsonne", sind Werke, von denen
die Seele mitgezogen wird. Hier tiefe, weihevolle
Melancholie, dort in Heiterkeit strahlende
farbige Symphonie. Als Perle jedoch schimmert
unter allem hervor Gust. Schönleber's
wundervoller Abendfrieden, ruhend auf dem
schwarzen Wasser von Brügge (Abb. s. S. 543).
Hier ist alles, große Ruhe und ruhige Größe,
Vornehmheit des Geschmacks, edles Empfinden
, zielbewußtes malerisches Können ■
verkörperte Poesie, die über Zeitläuften
steht, unabhängig vom Tagesgeschmack und
der Mode.
Franz Wolter
GEDANKEN
Es scheint unmöglich — doch künstlerisch lebende
Menschen glauben daran: daß ein großer Maler mit
dem Willen seines Auges eine wirkliche Landschaft
verwandeln könne.
Die Tragik in Werken der bildenden Kunst ist
die Tragik des Schönen. Das Sich-abwenden unserer
Zeit von allem Glatten, Süßlichen, Aeußerlich-
schönen ist Erwachen tragischen Geistes. Die größten
Tragiker der bildenden Kunst: Michelangelo und
Rembrandt.
W. von Scholz
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