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-sr4g5> ZUM 100. GEBURTSTAG LUDWIG RICHTERS <ö^~
dem stillen Glück der Kinderzeit unser Herz
ergreift.
Mir scheint ein Blick auf die geistige Atmosphäre
, die Deutschland nach den Freiheitskriegen
beherrschte, nicht wertlos, um
die Stimmung und die Lebensbedingungen
zu verstehen, die den Menschen Ludwig
Richters die charakteristischen Merkmale verleihen
. Die Reihe der Ahnen, deren sich seine
künstlerische Persönlichkeit selbst rühmen
darf, führt freilich über die Epoche der stärksten
nationalen Erregung bis ins achtzehnte
Jahrhundert zurück. Als Sohn des Dresdener
Akademieprofessors Karl August Richter
geriet er schon als Knabe in den handwerklichen
Betrieb der Vedutenmalerei, auf
den sich damals der stärkste Teil der populären
Kunstpflege konzentrierte. Der Großvater
Kupferdrucker und Alchymist, der Vater
Kupferstecher was Wunder, wenn der
Enkel die Namen Salomon Geßner und Daniel
Chodowiecki früh mit aller Ehrfurcht eines
dankbaren Epigonen aussprechen lernte. Die
Behandlung der Oelfarbentechnik brachte dem
LUDWIG RICHTER
DER \VATZMANN
Oelgemälde. Das Original im Besitz des Herrn Carl Leubner in Dresden
Knaben anfangs der Professor Graff, ein Sohn
des großen Winterthurers, und dann dessen
Kollege Schubert bei; der hatte sie von Dietrich
gelernt und dieser sie wiederum aus den
Niederlanden, wo er sich ausgebildet hatte,
mit heimgebracht. Wie hier der Schüler
der Natur zugeführt wurde, erzählt Richter
sehr niedlich selbst: „Um seine Methode,
Baumschlag zu zeichnen, recht anschaulich
zu machen, nahm Schubert einen Streifen
Papier, brach dieses zusammen, daß es vielfache
Zacken bildete, bog dieses dann rund
herum, und so war der Baumschlag fertig;
nur daß man solche Partien aus mehr oder
weniger Zacken perspektivisch zusammensetzen
mußte. Beim Oelmalen mußte ich
einen Pinsel dick voll Farbe nehmen und
dieselbe mit der Breite des Pinsels so auf
die Leinwand setzen, daß sich kleine Halbmonde
bildeten, und dies gab ebenfalls einen
schönen Baumschlag und vortreffliches Gras,
welches freilich kein Schaf dafür angesehen
haben würde . . ." Diese Methode geht
doch noch über Zinggs „gezackete Eichen-
undgerundete Lindenmanier!" Wie
urgesund mußte die eigene künstlerische
Kraft des Schülers sein,
um diesem Wust von Unnatur und
Nonsens sobald schon zu entrinnen!
Die Reise nach Südfrankreich,
die Richter als künstlerischer Chro-
niqueur des russischen Fürsten
Narischkin unternahm, gab vorderhand
nur Gelegenheit, die Technik
an Gegenständen einer neuen, erweiterten
Anschauungswelt zu erproben
. In Nizza hörte er zuerst
die Namen Cornelius, Overbeck,
Schnorr, Veit, „die als gewaltige
geistige Größen bezeichnet wurden
". Aber erst zwei Jahre später
durfte er dem Quell einer neuen
künstlerischen Selbständigkeit, der
vor zwei Lustren in Rom zu sprudeln
begonnen hatte, selber nahen.
In der Tasche das Skizzenbuch, gefüllt
mit Bildern aus seiner Alpenwanderung
, zog er am Tage der
Wahl Leos XII. und an seinem
eigenen zwanzigsten Geburtstag
durch die Porta del Popolo. Ein
„Zusammenfassen der bedeutendsten
Eindrücke der Alpennatur"
ergab fürs erste den „Watzmann"
(Abbildung nebenstehend), auf
dessen anfangs mehr durch interessante
Einzelheiten als durch
klare, schön gegliederte Anordnung
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