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m£&> ZUM 100. GEBURTSTAG LUDWIG RICHTERS <££^
schaftlichen Prospekte, die auch
jetzt wieder für den Verleger Arnold
u. a. radiert wurden, konnten
höchstens die Technik des Künstlers
weiterbilden helfen. Frische
Luft brachte ihm, dem allmählich
bei der immer wiederholten Verwertung
der italienischen Eindrücke
der Atem auszugehen drohte, eine
Fahrt durch das Elbtal und das
böhmische Mittelgebirge. „Die
Ueberfahrt am Schreckenstein"
(Abb. s. S. 571) bezeichnet den
Umschwung, der Richter vor allem
von der schon bis zum Krankhaften
gesteigerten Sehnsucht nach Italien
heilte. Als dann die Zeichenschule
in Meißen aufgehoben wurde, und
der Dreiunddreißigjährige seines
Vaters Posten als Lehrer für Landschaftszeichnen
an der Dresdener
Akademie erhielt im Moment,
als er schon ernstlich den Gedanken
, nach München überzusiedeln
, erwog — drang der Sinn für dies
Studium unmittelbar vor der Natur mit ihm
auch in die verstaubten Säle der Akademie
ein. Der Zinggsche Manierismus erhielt durch
seinen eigenen Jünger den Todesstoß. Wenn
auch in den vierzig Jahren, die Richters
L. RICHTER gez. (1853)
ZU „FAMILIENLIEDER"
Bleizeichnung. Eigent.: Frau
Hei. Kretzschmar in Dresden
Tätigkeit an der Dresdener Akademie
umfassen, andere Kräfte der
deutschen Landschaftskunst die
Wege gewiesen haben, den Respekt
vor der Natur und die Liebe zur
deutschen Heimat hat der Lehrer
seinen Schülern allezeit als schönsten
Samen reinen Künstlertums
ins Herz gesenkt.
Wir wissen heute, daß der heimliche
Schatz des Herzens, den
Ludwig Richter sein eigen nannte,
nicht dem Landschafter, sondern
dem Zeichner und Illustrator den
Ehrenplatz im Tempel deutscher
Kunst verschafft hat. Den Zeichnungen
zu den „Biblischen Historien
", mit denen sich Richter in
Meißen, zusammen mit seinen
Freunden Berthold und Peschel,
zum ersten Male auf das Gebiet
der reinen figürlichen Komposition
gewagt hatte, liebenswürdigen,
aber recht unpersönlichen Arbeiten
im Charakter des Schnorrschen Nazarener-
tums, folgten die zu Marbachs Volksbüchern,
zu Dullers Geschichte des deutschen Volkes,
zum „Reineke Fuchs", und schließlich 1841,
als erste Versuche direkt für den Holzschnitt,
zum „Landprediger von Wakefield". Wieder
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