Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 571
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-%r4^> ZUM 100. GEBURTSTAG LUDWIG RICHTERS <öss^

LUDWIG RICHTER

ÜBERFAHRT AM SCHRECKENSTEIN (1837)
Das Original in der Kgl. Gemäldegalerie zu Dresden

scheinung - all das wird man vergeblich in
seiner Anschauungswelt suchen. Er reißt
uns nicht empor zu den Höhen, wo uns der
Flügelschlag des Göttlichen umrauscht, er
läßt uns auch nicht aus dem Born trinken,
der die Wasser innerster Erkenntnis des
menschlichen Wesens spendet er nimmt
uns sacht an der Hand und führt uns durch
die Lande, deren sonnige Fluren nur von
Zeit zu Zeit ein Wolkenschatten verdunkelt,
und weist uns in Wiese und Wald, in dem
Treiben des Volkes das Walten der himmlischen
Gnade, die Schönheit, die aus der
Erkenntnis der sittlichen Zwecke alles Daseins
entspringt. Man mag die Neigung,
in allem Lebenden eine Verkörperung der
göttlichen Schöpferkraft zu sehen, die Religion
eines pantheistischen Christentumes
nennen. Das Eintauchen in Goethes Schriften,
„der große, offene, kerngesunde Blick dieses
so gesunden Geistes", wie er selbst es nennt,
hat den Künstler wohl auch aus dem, ihm durch
seine römischen Jugendfreunde nahegebrachten
Pietismus zu einer freieren, wenngleich
nicht weniger innigen Auffassung des Christentums
geführt. Und diesen Vorstellungen verhilft
seine Kunst zu einer Sichtbarkeit von

so ursprünglichem Lebensreichtum, daß die
Enge des Horizontes dem Schauenden fast
versinkt, der in dieser Welt zu wandern unternimmt
. Nicht die scharfe Beobachtung des
Gegenwärtigen birgt den geheimen Reiz, den
seine Blätter ausströmen. Es sind kaum
mehr als ein Dutzend Typen, die immer
wiederkehren, deren italienische Abstammung
zwar allmählich verschwindet, die aber stets
im Gehen und Sichbewegen die rundliche,
weiche Grazie der Leute vom Albaner- und
Sabinergebirg bewahren. Ein Typus vollends
in der Bildung der Physiognomie — die Jünglinge
haben dieselben kindlich unentwickelten
Züge wie die Frauen, Jungfrauen und Kinder,
und der Bart des Mannes ändert an den
Proportionen des Antlitzes nichts. Die Kleidung
ist keine der Wirklichkeit unmittelbar
entnommene, sondern ein anmutiges Gemisch
altdeutscher, italienischer und heimischer
Elemente. Man vergleiche die Bilder von
Richters verehrtem Freund Schwind, um
den Unterschied von der Zeittracht zu begreifen
. Was uns die Menschen Ludwig
Richters lieb macht, ist der vollkommene
Einklang von Empfindung und Geste, die
Selbstverständlichkeit ihresGemütsausdruckes,

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