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^==^> DAS KUNSTGEWERBE AUF DER
DREITEILIGER GLASSCHRANK AUS AHORNHOLZ MIT EBENHOLZ - INTARSIEN, BLAUEN GLÄSERN UND
KERAMISCHEN SÄULEN « ENTWORFEN VON KOLO MOSER « AUSGEFÜHRT VON PORTOIS & FIX, WIEN
die Wandbehänge A. Roller's, in einer neuen
Art Handweberei ausgeführt (Abb. S. 28).
Dekadence, Retrospektivitis, Altfränkischkeit
- das sind Gegensätze genug; es fehlt eine
starke Hand, die alles umstürzt oder zusammenfaßt
und das wirre Spiel der Kräfte
zu freudenreicher Gesundung führt.
Die Einheitlichkeit des künstlerischen Empfindens
, die bei den Wienern so empfindlich
fehlt, zum mindesten wird man sie van de
Velde's Ausstellungsraum nicht absprechen
können (Abb. S. 36 und S. 37). „Beiträge
zum neuen Stil" nennt der Künstler seine
Arbeiten und windet uns damit klug den Maßstab
des Wohnraumes aus der Hand, den
wir an diese Schöpfung anzulegen im Begriff
waren. Die Einrichtung deckt mit einem
großen Sofa, Ecksitzen und Schränken in
zusammenhängender Komposition den unteren
Teil der Wand vollständig zu. Das helle
Eichenholz, der grünbraungemusterte Stoff
der Bezüge, die mattblauen Wände und der
in blau und gelb gehaltene Teppich schaffen
einen ziemlich unpersönlichen farbigen Grundakkord
. Vollendet schön sind die Schmucksachen
, während die silbernen Leuchter das
Grundthema der geschwungenen Linien mit
bizarrem Eifer variieren. In den Steinzeuggefäßen
(Abb. S. 33) bewundere man die
Konsequenz, mit der van de Velde ein
seinem eigentlichen Individualstil abholdes
Material zu Formen verarbeitet, die in ihrer
gehaltvollen Derbheit dem praktischen Bedürfnis
restlose Befriedigung schaffen. Das
Dekor wäre wohl hier und da noch etwas
ruhiger zu wünschen.
Den Gefahren, die für die freien Künste
darin liegen, daß sie in allzu williger Beachtung
der Ausstellungsbedingungen den
Zusammenhang mit dem einfachen Leben
und seinen künstlerischen Wünschen verlieren
, ist auch das Kunstgewerbe nicht entgangen
. Es hat sich hier eine recht üppige
Kultur von reiner Ausstellungsware entwickelt,
die nur in aufdringlicher Originalitätssucht
lebt und der guten Kunst den Weg in die
breiteren Schichten des Publikums versperrt.
Die „Vereinigten Werkstätten" haben das
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