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-^4s£> DIE BEWEGUNG ZUR BILDUNG
Denn darüber müssen wir uns klar sein:
wenn auch die theoretische Erkenntnis von
einigen wenigen gegeben werden konnte: die
Schaffung einer Tracht ist nicht die Aufgabe
einzelner, sondern die der Generation. Die
Kulturgeschichte lehrt uns, wie lange eine
Idee von Hand zu Hand weiter gegeben
werden muß, ehe sie die Synthese einer
Zeitepoche sichtbar offenbart. Die Tracht
ist keine Uniformierung der Masse, aber
ebensowenig gestattet sie die absolute Willkür
des einzelnen, sondern sie ist der Ausdruck
desjenigen, was einem Volke geistig
gemeinsam ist und darum auch äußerlich
gemeinsam sein darf. Sie enthebt den einzelnen
der Ratlosigkeit, die er empfindet,
wenn er seine Bekleidung als etwas ganz
Neues frei erfinden soll, und gestattet ihm
Mme. DE VROYE, HAAG « HAUSKLEID
in ihrem Rahmen doch so viel Beweglichkeit,
daß seine eigene Erfindungsgabe erst recht
zur freien Entfaltung kommt. Wenn jeder
die ihm verliehene Erfindungsgabe dazu aufbrauchen
sollte, die ersten Grundfragen einer
Kleidung zu lösen, so kämen wir nie zu
jener schier unbegreiflichen Verfeinerung der
Formen, die uns in abgeschlossenen Stilen
der Vergangenheit entgegentritt.
Wie groß die Schwierigkeiten für den
einzelnen sind, ein Kleid zu erfinden, dem
keine durch Ueberlieferung gefestigte Tracht
zu gründe liegt, das wissen wir am besten,
die wir hier mit unseren Resultaten an die
Oeffentlichkeit treten. Jeder von uns, die
wir hier als Mitarbeiter beteiligt sind, weiß
von Schwierigkeiten zu erzählen, die anfangs
schier unüberwindlich schienen. Dem prüfenden
Auge des Beschauers wird es
nicht entgehen, daß manche Lösung
mühsam erzwungen, manche sogar verfehlt
ist. Deswegen bitte ich Sie, meine
Damen und Herren: setzen Sie nicht
Ihre Aufgabe darein, uns die Fehler
und die Schwächen nachzurechnen,
sondern fragen Sie : was ist hier fruchtbar
? was ist entwicklungsfähig?
Wenn unsere Kulturentwicklung
ihren einstigen stetigen Gang bis auf
unsere Tage weitergegangen wäre, so
ständen wir heute nicht vor der Notwendigkeit
, derartig Neuland beackern
zu müssen. Man glaubt in manchen
Kreisen, es handle sich bei uns allein
um eine Wiedererweckung der Empiretracht
. Ich persönlich bin allerdings
durchaus dafür, da, wo eine Ueberlieferung
da ist, an sie anzuknüpfen,
wenn die alte Form dem neuen Sinne
noch entspricht. Bei unseren Häusern,
unserem Hausgerät ist das sehr häufig
noch der Fall. In einer anderen Lage
befinden wir uns bei der Frauentracht.
Es ist zwar verhältnismäßig leicht,
Phantasiekostüme und Festgewänder
zu erfinden, die unseren Forderungen
genügen, da wir hierbei auf dem basieren
können, was einige Kulturepochen vor
uns geschaffen haben. Schwer wird
die Aufgabe aber, wenn es gilt, dem
ernsten Geist ein Gewand zu schaffen,
der heute auch die Frau in das tätige
Leben des Mannes hineingezogen hat.
Wie viel anmutige zierliche Formen
uns auch die Vergangenheit überliefert
hat, — sie werden für die Frau unmöglich
gemacht, wenn sie das geschäftige
Gewühl unserer Straßen damit
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