http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0087
ALS GRUNDLAGE DER FRAUENKLEIDUNG <^=^
Geschlecht nicht zu ihren Irrtümern anleiten
oder gar dazu zwingen. Mit allen Kräften
sollte daran gearbeitet werden, Bundesgenossen
zu gewinnen. Ich träume manchmal:
welche Kulturtat wäre es, wenn eine unserer
ganz großen Modezeitungen einmal das ganze
Risiko ihrer Wochenauflage daran setzte und
sagte: von heute ab kommt keine Vorlage
mehr aus der Redaktion, die nicht der Form
eines wahrhaften und unverkümmerten Menschenleibes
entspricht. Nicht jene charakterlosen
Kompromisse, sondern ein freies Erkennen
und Anerkennen der Wahrheit. Möglich
, das Blatt verlöre in acht Tagen 90 Prozent
seiner Abonnenten. Aber eben so sicher:
der Name des Mannes, der das getan, würde
einst mit goldenen Lettern zu denen der
Wohltäter der Menschheit geschrieben werden.
Lasse man sich nicht irre machen durch die
Behauptung, was bis heute nicht anders geworden
, müsse auch in aller Zukunft so
bleiben. Nach solcher Logik wäre noch nie
eine Tat vollbracht.
*
Um aber nicht mißverstanden zu werden,
möchte ich noch einmal betonen, daß es sich
nicht darum handelt, eine neue Mode einzuführen
, die als solche nicht länger leben
würde, als Moden eben leben. Was uns not
tut, ist das natürliche Gefühl für den Körper.
Erworben wird es bei seiner Pflege. Dabei
lernt man ihn nicht nur kennen, sondern
lebendig empfinden. Kann ein Mensch, der
dem Bade entsteigt, gereinigt, erfrischt, in
allen Gliedern von jenem unendlichen Wohlgefühl
durchströmt, das den Körper schwellt
und das Leben jedes Teilchens seinem Bewußtsein
fühlbar macht, — kann der es über
sich bringen, dieses Wohlgefühl durch beengende
zwängende Kleider zu zerstören?
Wird er auch nur den Wunsch haben, es zu
tun, wenn er seine Kraft in Arbeit oder Spiel,
in Rennen, Laufen, Schwimmen, Reiten,
Turnen oder Fechten oder was es nun sei,
geübt und dabei empfunden hat, daß seine
Glieder so, wie sie sind, gut, daß sie so
schön sind? Es wird ihn quälen, wenn dies
in seiner Kleidung nicht zum Ausdruck
kommt.
Das ist nicht Eitelkeit. Freude am eigenen
Körper ist ein sehr gesunder und vornehmer
Sinn, der absolut für eine Existenz notwendig
ist, die sich höher entwickeln will.
Ihm gegenüber steht das lebensfeindliche
Prinzip des Asketen, der seinen Körper haßt,
weil er sich seiner schämt.
Eitelkeit ist nur das Glänzenwollen mit
etwas Unwahrem. Das Fehlen dieser gesunden
und menschlichen Gefühle ist eben
der Grund, weshalb sich noch keine Kleidung
entwickelt hat, die einer höher entwickelten
Menschlichkeit entspricht. Viele betreiben
Reinlichkeit und Körperpflege noch als eine
unangenehme, lästige Pflicht. Es soll gute
Familien geben, in denen es nicht zu den
Selbstverständlichkeiten gehört, täglich zu
baden oder doch den ganzen Körper sorgfältig
zu waschen. Es ist unausbleiblich, daß
jemand, der das Interesse für die Formen
seines Körpers durch das Interesse für die
Oberfläche seiner Kleidung ersetzt, nicht mehr
das zwingende Bedürfnis hat, im beständigen
Gefühl tadelloser körperlicher Reine umherzugehen
.
PAUL SCHULTZE-NAUMBURG « BLUSENKLEID
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