Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 8. Band.1903
Seite: 174
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-s^> MODERNER SCHMUCK

THEODOR LAMBERT « GOLDENE BROSCHEN MIT PERLEN

MODERNER SCHMUCK

VV7ir machen keineswegs den Anspruch, mit
W den Abbildungen dieses Heftes ein erschöpfendes
Bild alles dessen zu geben, was
heute an sogenannten „modernem Schmuck"
geschaffen wird. Immerhin ist die Auswahl groß
und vielseitig genug, um erkennen zu lassen,
wie ungemein weit die Grenzen des gesamten
Gebietes auseinander liegen, wie Verschiedenes
innerhalb derselben Raum hat. In der
Tat ist von manchen Schöpfungen Lalique's
bis zu jenen, in Dutzenden hergestellten,
schlicht silbernen Gürtelschließen und Mantelknöpfen
, wie sie jetzt zum fast unentbehrlichen
Bestandteil der Frauenkleidung geworden
sind, ein so gewaltiger Weg, daß
fast nichts Gemeinsames mehr zwischen ihnen
bleibt, als eben jener gemeinsame Name:
„Schmuck". Und weil nicht nur Material
und Technik, nicht nur Formengebung und
künstlerische Erfindung selbst, nein auch die
Voraussetzungen, die Zwecke und Ziele für
beide ganz andere sind, so kann selbstverständlich
auch der Maßstab, an dem sie
gemessen werden, nicht der gleiche sein.
Man sollte Lalique nicht vorwerfen, daß er
in erster Linie „de l'art pour l'art" mache,
und den andern nicht, daß ihre Kunst mit
einem Fuße im Handwerk stehe. Die eine
Art des Schaffens hat ihre Berechtigung wie
die andere.

Muß denn Schmuck nicht ganz verschieden
sein, je nachdem von wem, wann, wie und
wo er getragen werden soll? Muß nicht
auch das Urteil ganz verschieden ausfallen,
je nachdem wer es fällt? Die Augen des
Goldschmieds sehen anders als die des Künstlers
, und diese wieder anders als die der Frau.
Der Goldschmied mißt die Schönheit der
Arbeit an den Gestaltungsmöglichkeiten, die
er in den Metallen verborgen weiß, und an

den Geheimnissen der Perlen und Edelsteine,
die ihm geläufig sind, wie die glühende Ausdrucksfähigkeit
der Emails und die zarte Symbolik
von Schliff und Gravierung. Er schätzt
den Wert des Materials und den der Technik;
ihre Multiplikation ergibt für ihn den Wert
des Stückes. Dem Künstler gilt die minutiöse
Arbeit an sich und die Kostbarkeit des
Steines verhältnismäßig wenig. Beide sind
ihm Mittel zum Zweck. Er verlangt den
Zauber der Farben, das Spiel der Lichter, das
organische Leben und Ineinanderweben von
Linien und Formen; er sucht die Feinheit
der Kontur, wägt die Harmonie der Verhältnisse
, die Verteilung und Ausnützung der
Flächen, der Wölbungen und Winkel. Für
ihn ist das Schmuckstück eine Verkörperung
von seiner Phantasie vorschwebenden dekorativen
Wirkungen : soweit Material und Technik
ihnen dienen, schätzt er sie; selbständige Wertfaktoren
sind sie nicht für ihn. Und die
Frau, für die der Schmuck bestimmt ist? der
er gehören, die ihn tragen wird? Sie zu
fragen, vergessen meist Goldschmied und
Künstler im heiligen Feuereifer ihres Schaffens.
Die Frau aber sagt: „Ich wähle was mich
kleidet, was zu mir paßt und zu meiner Art
zu leben, mich anzuziehen und zu umgeben;
für die Straße trage ich anderes als im Hause,
zu schlichter Geselligkeit; im Konzertsaal
anderes als zu glänzenden Festen, und der
Schmuck darf nicht aus dem Rahmen treten
als ein Ding für sich; er muß harmonisch
sich einschmiegen in das Ganze." Und hat
sie nicht recht? Was hilft ihr die Kostbarkeit
, die sie nicht erschwingen kann, was
Pracht der Technik ohne Geschmack, was die
herrlichsten Schmuckdichtungen schwelgender
Künstlerphantasie, wenn sie eine fremde
Sprache sprechen?

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