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-5-4^> MODERNER SCHMUCK <^M?-
Schulterkleid, das, allem Anschein nach,
immer mehr und mehr an Boden gewinnt, wird
manches getragen werden, was zu den hohen
Stehkragen und unterbrochenen Linien der
Blusen- und Schneiderkleider nicht paßte.
Bandartiger oder mehrreihiger Ketten-Halsschmuck
mit kleidsamem Abschluß wird
wohl wieder in Aufnahme kommen, und vor
allem die langen, feingliederigen Ketten mit
oder ohne Anhänger, denen nun die Aufgabe
zufällt, allzu monotone Stofflächen zu beleben
, das „Fließende" des Gewandes zu betonen
und die Bewegungen des Körpers in
zartem Echo ausklingen zu lassen. So sind
die Anregungen für neuen Schmuck in erster
Linie bei der Frau zu holen. Goldschmied
und Künstler müssen sie zu nützen wissen.
Dies ist vielfach auch schon geschehen,
und ob es sich nun um den einfachen Schmuck
handelt, welcher, der Allgemeinheit bestimmt,
sich den verschiedensten Erscheinungen anzupassen
und daher einen gewissermaßen neutralen
, typischen Charakter zu tragen hat, -
oder um jene künstlerischen Einzelschöpfungen,
bei denen der Individualität und dem Milieu
verständnisvoll Rechnung getragen werden
kann und soll: das Beste wird von denen
gemacht, die vom Material ausgehen, nicht
von der Zeichnung. Die meisten Künstler
suchten das Neue allzu ausschließlich in den
Formen, und es wurde dadurch viel gesündigt.
EDMOND BECKER « GOLDENE DAMENUHR
J. L. BONNY « GOLDENER ANHÄNGER MIT BRILLANTEN
Einige aber gingen den Weg, den Lalique
gegangen war: sie wurden Goldschmiede,
wenn sie Schmuck schufen; und weil sie
ihre Künstleraugen und Künstlerhände in den
Dienst der Metalle und Steine stellten und
horchten, was sie ihnen zu sagen hatten, so
wiesen diese ihnen neue Möglichkeiten, verrieten
ihnen neue Reize. Teils waren es
nur neue Arten, die einzelnen, in ihrem Charakter
so ganz verschiedenen Metalle zu bearbeiten
, teils auch besondere Kombinationen,
die man früher nicht gemacht, wie Chrysoprase
auf glattem Silber oder Amethyste, Smaragde
und Perlen in Platin, oder Stahl mit Rubin,
oder Gold mit tiefsatten Emailtönen, wie es
Feuillätre in Paris und Huber in Budapest
für ihre wirkungsvollen Anhänger verwenden,
oder der sehr geschickte, in London lebende
Wiener Otto Prutscher, welcher das lange
vernachlässigte Elfenbein noch hinzunimmt
und zwischen Edelsteinen und Gold in
feinen Schnitzereien zur Geltung bringt. —
Die Engländer und Schotten sind jedoch,
was eigenartige Materialwirkungen betrifft,
in erster Linie zu nennen: Künstler wie
Ashbee, Dawson, Talwin Morris, Gaskin,
Simpson, von dessen Art wir mehrere Beispiele
bringen, haben mit sicherer Intuition
und raffiniertem Geschmack im besten Sinne
Modernes geschaffen. Die Franzosen
stehen stark unter dem Banne Lalique's.
Immerhin wissen Meister wie Vever, Colin,
M. Bing, Fouquet ihre Eigenart zu wahren.
Ihre eleganten reichen Kostbarkeiten sind
stets vornehm, dekorativ, technisch erstklassig
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