http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0232
KUNSTGEWERBEPOLITIK
Von Dr. Peter stubmann-Dresden
Ich weiß nicht, ob schon jemand das Wort
„ Kunstgewerbepolitik" gebraucht und seinen
Inhalt abgezirkelt hat. Das, was in ihm steckt,
ist bis heute jedenfalls sehr unterschätzt worden
. Auf den ersten Blick meint man, daß
es eine Kunstgewerbepolitik überhaupt nicht
geben könne. Kopf und Fuß des Wortes
scheinen sich gegenüberzustehen wie Feuer
und Wasser. Und als man seinerzeit dem
Handwerk mit der Politik zu Hilfe kam, als
sich auch die Selbsthilfe des Handwerkers
regte, da kam man gerade im Gegensatz zur
Politik auf den Weg des Kunstgewerbes.
Es waren getrennt marschierende Heerhaufen
, die freilich auf ein Ziel losgingen. Die
george walton « windfang im
kodak-laden in brüssel « « « «
Zeit, wo die beiden, Kunstgewerbe und Politik
, sich zu vereintem Schlagen treffen müssen,
ist aber doch nicht mehr ganz fern.
Dasjuliheft 1902 dieser Zeitschrift veröffentlichte
längere Ausführungen von KarlScheff-
ler, die u. a. auch die Forderung enthalten,
daß sich zur Förderung einer kunstgewerblichen
Blüte die bisherigen Untersuchungen
mit sozialökonomischen Forschungen begegnen
müssen, daß der Volkswirt den Bestrebungen
des deutschen Kunstgewerbes doch
manchen wertvollen Dienst erweisen kann.
In diesem sehr berechtigten Wunsche steckt
das, was wir oben ausführten: die Politik,
die Sozialökonomie hat zu dem Kunstgewerbe
bisher keinerlei Beziehungen gehabt
. Daß indes eine Verbindung
kommen muß, wird die Zeit
bald lehren.
In Ermangelung wirtschaftlicher
Untersuchungen unternimmt
nun in dem genannten
Artikel Karl Scheffler selbst
einen Ausflug auf das Gebiet
der Kunstgewerbepolitik, der in
der Tendenz endigt: das Kunstgewerbe
muß mit allen Kräften
eine Zoll- und Handelspolitik
unterstützen, die zu einer Verminderung
unserer Produktion
führt; wir brauchen Schutzzölle,
um das Kunstgewerbe wachsen
zu lassen.
Diese Tendenz ist einer der
geeignetsten Ausgangspunkte für
die Behandlung der Frage: „Wie
steht die hohe Politik, wie stehen
die Maßnahmen einer Regierung
zu der Bewegung unseres modernen
Kunstgewerbes? Nur aus
dem Grunde komme ich hier auf
die äußerst lesenswerten Ausführungen
Karl Scheffler's zurück
, mit denen ich nicht polemisieren
, sondern von denen
aus ich einen andern Weg einschlagen
möchte.
Der Befürwortung einer Schutzzollpolitik
liegen in der Hauptsache
zwei Gedanken zu Grunde:
Erstens steht das Kunstgewerbe
als Handwerkskunst unserem
alten Handwerk noch
214
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0232