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^=4^> MODERNE STICKEREIEN
vergewaltigt und bricht. Etwas Biegsames
, Flüssiges liegt in Hrdlicka's
Formgebung, etwas von Tanz und
fließendem Wasser, das dem Charakter,
dem Wesen der Spitze mit feiner Intuition
abgelauscht ist. Daß bei 120 verschiedenen
Entwürfen nicht alle völlig
gleichwertig sein können, versteht sich
von selbst. Aber geschmacklos oder
sonst wirklich verfehlt ist auch nicht
einer unter allen, und das will viel
heißen. Für Näh-, Klöppel- und Bändchentechnik
sind Muster vorhanden in
reicher Abwechslung. Wie geschickt
ist die Wirkung des Tüll ausgenützt in
Verbindung mit den feinen langen
Stengeln und scharfzackigen Blättern
des Schierling und seinen punktierten
Dolden; wie verständnisvoll sind Kapuzinerblume
oder Löwenmaul in ihrer
Eigenart erfaßt und verarbeitet; wie
wirken die Jelänger-Jelieber-Blüten als Bordüren
-Rosetten, zwischen denen die Blätter
die Verbindung bilden! Kleine runde Beeren
als Zentren auseinanderstrebender Blatteile
oder die kugligen gefüllten Rosen des Ranunkels
zwischen dünnem Stengelgeranke,
wirken als geschlossenes, konsistentes Motiv
kräftig und ausdrucksvoll. Fast nie treffen wir
auf unorganisch verbogene Stiele oder bloße
Füllselformen, die mit dem organischen Aufbau
des Musters nichts zu tun haben.
In ähnlicher Weise arbeitet Cecile Courant
in Paris, wovon der auf Seite 234 abgebildete
Kragen mit seinen schwungvollen und graziösen
KISSEN MIT SPITZENAPPLIKATION « ENTWORFEN UND AUSGEFÜHRT
VON ANNETTE SIMON VON ECKARDT, MÜNCHEN «
gut
KISSEN « ENTWORFEN VON H. WILH. WULFF
AUSGEFÜHRT VON ANNA HASSE, MÜNCHEN
Distelmotiven ein gutes Beispiel gibt.
Etwas gesuchter, aber elegant und rassig wirkt
der Kragen von Courteix (Paris), eine Kombination
von Stickerei und Spitze. Der
kostbar-vornehme Fächer auf Seite 233 gibt
einen der interessanten Versuche Annette
Simon-Eckhardt's, alte Points in den Dienst
moderner Ornamentik zu stellen. Die Künstlerin
, welche von der Malerei allmählich zum
Kunstgewerbe überging, hat schon 80—100
seltener Spitzenstiche des Mittelalters und
der Renaissance wieder gefunden und künstlerisch
verwertet.
Von den Stickereien scheinen uns der
reiche Tischläufer von M. Susman in München
und, in ihrer etwas bizarren Art, die
beiden Kissen von H. Wilh. Wulff die interessantesten
. Ersterer verliert viel mit der
Farbe, weshalb er in der Reproduktion nicht
nach Gebühr geschätzt werden kann; letztere
tragen den seltenen Stempel des Humors
und bleiben dekorativ trotz ihrer erzählenden
Motive. — In M. Läuger's flächig ornamentierten
Kissen erkennen wir die breite
großzügige Art des vielseitigen Künstlers; in
den beiden Arbeiten von Olga Schirlitz
dagegen leider allzuviele Anklänge an dies
und jenes. Die junge Künstlerin, welche
neulich in einer Kollektivausstellung viele
ihrer Stickereien und Entwürfe vorführte,
müßte selbständiger, ursprünglicher werden,
sich möglichst vor fremden Einflüssen hüten.
Zum Schluß sei auf den anmutigen Tischläufer
Anna Sophie - Gasteiger's, den zierlichen
Kragen Madeleine Bille's in Paris
und das Tischdeckchen Willy O. Dressler's
hingewiesen.
Für die Redaktion verantwortlich: H. BRUCKMANN, München.
Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. München, Nymphenburgerstr. 8fi. — Druck von Alphons Bruckmann, München.
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