http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0259
GRAPHISCHE ORNAMENTE VON
ALBERT KNAB
Indem ich mich anschicke, die von Albert Knab zu
vorliegendem Heft beigesteuerten Zeichnungen mit
einigen Worten zu begleiten, setze ich eine möglichst
wichtige Miene auf, um tiefsinnig des Künstlers Art und
Meinung zu erfassen, wie es so Kritikerart ist. Beim
Ueberblick über die Gegenstände meiner Betrachtung
will mir aber so gar keine gelehrte Konjunktur einfallen,
und stelle ich mir die Persönlichkeit des Künstlers
selbst vor, so geht es mir nicht anders. In beiden ist
so gar nichts, was etwa auf mystische, symbolische,
historische oder sonst schwierige Probleme hinwiese.
Das ist vielmehr alles so natürlich und scheinbar selbstverständlich
, daß man eigentlich gar nichts zu fragen
und zu rätseln hat. Man sieht und ist befriedigt; nicht
weil unsere vorgefaßten ästhetischen Regeln befolgt sind,
sondern weil unsere Lust an der Kritik gar nicht angeregt
wird. So geht es mir wenigstens. Ich empfinde
in diesem Linienspiel eine angenehme Rhythmik, die
mich musikalisch bewegt, nicht rhapsodenartig, sondern
wie die ruhige Ausspinnung eines Themas, die in an-
und abschwellenden Tönen durch allerlei Windungen und
Wandlungen geführt, eben jenes rhythmische Wohlgefühl
erzeugt.
Wie ich also noch zu den altmodischen Musikfreunden
zähle, die von der Musik Empfindung und
keine Gedanken verlangen, so meine ich auch, daß
die graphische Ornamentik eine ähnliche Richtung einhalten
soll.
Denn, was ist ihre Aufgabe?
Alle diese Zierstücke wollen keine selbständige
Existenz führen, sondern sind nur Begleiterscheinungen
neben der Schrift, die sie in die rechte Beleuchtung
bringen wollen. Die Schrift ist hierbei selbst als ein
dekoratives Element aufgefaßt, deren Wesen die
übrige Ornamentik sich einzuordnen hat.
R.KNftB
Dekorative Kunst. VI. 7. April 1903.
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