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vermag der moderne Mensch das eigene Leben
nur unklar zu übersehen. Vor allem der
Kunstsin ist, indem er sich in entscheidenden
Dingen mit dem Sozialen in Widerspruch
gesetzt hat und ins tendenziös Ethische geraten
ist, ganz subjektivistisch geworden. Den
Uebergangsgefühlen, den Empfindungen, wie
sie auf allen Zwischenstufen wachsen, und
den geistigen Erscheinungsformen einer
Epoche, deren Zeichen die Philosophie der
Relativität ist, wird zu großes Gewicht beigelegt
. Es ist auch fast unmöglich, sich frei
über die problematischen, sozial determinierten
Zustände zu erheben, weil man das eigene
Milieu doch nicht ganz verneinen kann und es
nur möglich ist, einigermaßen ruhig und im
Glauben an seine Arbeit zu leben, wenn man
im Denken und Schaffen abzuschließen meint
und das eigene Wirken als Frucht, nicht als
Auswuchs organischer Entwicklungen ansieht.
Die neue Kunstbewegung, die das wirtschaftliche
Reale und ethisch Ideale gleichmäßig
umfassen möchte, hat so viele Hoffnungen
neu entzündet, der alten Sehnsucht so vollständige
Erfüllung versprochen, daß nichts
erklärlicher ist als der zweifellose Glaube
an sie. Jede Persönlichkeit findet hier,
je nach Temperament und Neigung, ihre
Rechnung. Der Drang zum Schönen kann
sich ausleben, der sozial-philosophische Sinn
sich betätigen, der Kulturdrang findet eine
Fülle hoffnungsvoller Tatsachen, und der profane
, wirtschaftlich gerichtete Geist sieht neue
Erwerbsmöglichkeiten auftauchen. Ein in die
Breite gehender Erfolg scheint alle Erwartungen
zu bekräftigen, und jeder Zweifel
kann mit Gründen, die gut scheinen, weil sie
logisch unwiderleglich sind, beruhigt werden.
Sondert man sich aber einmal ab, um einen
Ueberblick zu gewinnen, so stellt sich manches
anders dar. Es geht einem dann wie dem
Künstler, der ein Fleckchen der Natur mit
Andacht und Mühe abzukonterfeien sucht,
sich ganz in die Stimmung, tief in alle Einzelheiten
des Gegenstandes hineinsieht, jeden
Sinn nur auf das eine Objekt richtet und
dann mit in der Arbeit erstarrten Gliedern
aufsteht und sich umschaut. Da sieht ihm
die weite Welt, die jenseits seines beschränkten
Beobachtungsfeldes liegt, noch einmal so
weit aus und fremd, wie eine neue Schöpfung.
Im Bemühen, einen Teil nachzubilden, hat
er das Ganze vergessen, und nun folgt etwas
wie ein Erschrecken, als unerwartete Impressionen
von allen Horizonten ins unvorbereitete
Auge dringen. Der Bildnerstolz,
der sich im Nachahmen der Einzelheit so
lebhaft geregt hat, weicht der Einsicht, wie
klein und relativ die Arbeit gegenüber dem
Ganzen ist, und mit neuen Empfindungen
blickt der Künstler auf sein Werk hinab.
Nicht gut ist es, ununterbrochen vor einer
einzigen Idee zu brüten, ihr allen Fleiß,
alles Vermögen zu widmen und die Welt im
Rücken, die darum nicht eine Sekunde in
ihrem Wirken aufhört, ganz zu vergessen;
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