Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 8. Band.1903
Seite: 245
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0263
VON ALBERT KNAB <^=^

ALBERT KNAB « ZIERLEISTE

aber nicht gut ist es auch, von aller spezialisierenden
Arbeit ganz abzusehen und nur in
philosophischer Beschaulichkeit des Ganzen
durchs Leben zu wandeln. Eines ums andere;
so wird man das Große und Kleine erkennen,
soweit der individuell begrenzte Intellekt es
vermag, die Arbeit des Tages am allgemeinen
messen und in diesem das Einzelne, in seinem
Bezug und Wert fürs Ganze, lebendig wiederfinden
. Für die in der neuen architektonischen
Kunst Tätigen scheint jetzt der Zeitpunkt
gekommen, den Blick aufs Ganze zu richten,
Fehler zu entdecken und eigene Irrtümer zu
berichtigen. Erwächst der Kunst daraus auch

unmittelbar kein Vorteil, so wirkt die Lehre
doch mittelbar zurück, in demselben Maße,
wie die Resultate der Selbstschau positive
sittliche Werte hervorbringen.

Große Dinge sind uns versprochen worden:
eine neue Kunst des Hauses als Resultat vergeistigter
Lebensgewohnheiten, die Befriedigung
kleiner ästhetischer und großer sozialer
Bedürfnisse, das Glück der Harmonie mit
dem Ausblick auf eine arbeitsvolle aber große
Zukunft. Vortreffliche Künstler haben sich
zu Trägern einer artistischen Idee gemacht,
wie sie so fruchtbar und hoffnungsvoll selten
aus langer Untätigkeit plötzlich hervorgegangen

ALBERT KNAB« LESEZEICHEN

ist. Im ersten Ansturm sind verwirrende
Erfolge erstritten worden, es ist genug
geschehen, um die stolzesten Hoffnungen
zu rechtfertigen, und wer am tiefsten
die Unwürde der Zeit empfand, begrüßte
das Neue auch am wärmsten. Die großen
pathetischen Worte, die priesterlichen
Gebärden der Künstler schienen gerechtfertigt
, weil daneben die Produktion wertvoller
Kunstformen einherging. Es war
ein Aufflammen der Begeisterung, eine
Befreiung lang gebundener Kräfte, und
die neue Zeit schien sich wirklich anzukündigen
. Die Jungen scharten sich
überall zusammen und verständigten sich
mittels einer Losung, die keiner doch
vom andern wußte. Eine emsige Arbeit
begann auf hundert Gebieten, das Profanste
wurde verklärt, eine große sittliche
Idee einte die Künstler, die Berufsund
Laiengemeinden.

Heute, nach wenigen kurzen Jahren,
ist schon das meiste der Glut verraucht,
und der kalte Alltag weht schneidend in
die Reste der Begeisterung hinein. Wenn
man jetzt zurückblättert und die schönen
Versprechungen noch einmal durchgeht,
muß man gestehen: es paßt nicht mehr.
Phrase erscheint nun, was uns noch vor
kurzem eine Prophezeiung war. Und
forscht man nach dem Grund, so findet
man ihn vor allem in dem Mißverhältnis
von Wort und Leistung, darin, daß das
kühn Begonnene sich kleinlich entwickelt

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