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■^ö> EINE BILANZ ~(^=^
hat, das tief Gedachte seicht ausgeführt worden
ist. Man merkt sehr deutlich eine Reaktion.
ALBERT KNAB « GESCHÄFTSKARTE
Fast alle Künstler, die als Führer anzusprechen
sind, haben ihr Kapital an schöpferischem Vermögen
verausgabt und zehren nur noch von
ihren Jugendideen, von den immer spärlicher
fließenden Geschenken einer im Raubbau erschöpften
Begabung. Damit verraten sie, daß
ihr Schaffen nur Resultat einer oft sehr intensiven
Veranlagung, nicht aber einer tiefen,
immer neu befruchtenden Lebensidee ist.
Die großen Gedanken von der Kulturmission
der neuen Kunst scheinen den meisten als
etwas Sekundäres gekommen zu sein, als das
geistige Gegenbild — nicht als das Urbild -
eines scharf umgrenzten, fast physiologisch
zu begreifenden Talentes. Dieser formale
Trieb bleibt ja, wie er sich verwandt in vielen
Individualitäten verschiedener Nationen manifestiert
hat, ein erhabenes Geheimnis im Verborgenen
wirkender Kulturkräfte. Aber den
Organen der Produktivität ist in den meisten
Fällen nicht die große Seele gesellt, so daß
die fortgesetzte Befruchtung ausbleibt. Die
neuen Formmotive sind bald verbraucht worden
; unerschöpflich ist aber nur eine Kunst,
die auf einer gebärkräftigen Lebensidee ruht.
Diese unendliche weltpoetische Idee allein
diszipliniert und bereichert das Talent, damit
es stets bereit ist, das abstrakte Gedankenreich
durch konkrete Widerspiele zu erläutern
. Die Erneuerer scheinen in ihrer Mehrzahl
nicht so sehr Spieler als Instrument zu
sein. Wer nach höchsten Ansprüchen mißt,
kann die Reihe der Namen verfolgen, ohne
für seine Hoffnungen einen großen Gewinn
zu haben. Die vor zehn Jahren noch unklar
gährenden Erwartungen sind in mancher Beziehung
freilich weit übertroffen worden; in
der Hauptsache aber ist doch wenig getan.
Die Bewegung hat bis jetzt, von einzelnen
unfertigen Versuchen abgesehen, nur einen
dekorativen Stil hervorgebracht. Der ist ja
reich und vielgestaltig geraten, doch gar zu
schnell fertig geworden und von einer beängstigenden
Anpassungsfähigkeit. Es ist ein
dankbares Problem kunstgeschichtlicher Betrachtung
, wie die Entwicklung des modernen
Formensinnes den Weg über das gewerblich
angewandte Ornament genommen hat und
nicht, wie es sonst bei Stilbildungen der Fall
war, über die Baukunst; man kann nachweisen
, daß es im Grunde der tektonisch-
philosophische Bautrieb ist, der im dekorativen
Spiel die neuerwachenden Kräfte
prüft, bevor es an größere Aufgaben geht,
und daß dieser Zustand des Ueberganges
auch ein Produkt der wahrhaften, lebendigen,
vom Instinkt übertragenen Tradition ist, die
uns zwingt, genau dort fortzufahren, wo die
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