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bildende Kraft vor mehr als hundert Jahren
in den sozialen Revolutionen untergegangen
ist. Aber das gibt noch nicht Garantien
für die Zukunft, denn die zur Stagnation
treibenden Mächte sind unablässig an der
Arbeit. Die Bewegung droht nun, auf der
Vorstufe zu erstarren; die Künstler glauben
sich bereits am Ziel und blicken nicht mehr
vorwärts. Das leicht Errungene erfüllt sie mit
einem Stolz, der nicht ganz berechtigt ist, weil
die schnellen Resultate im Grunde nur Produkte
von fast automatisch arbeitenden Begabungen
sind. Jetzt erst zeigt sich die Verpflichtung
zu ernsthafter Arbeit. Die Erfindung
eines neuen Ornamentstils war die notwendige
Einleitung; in der poetischen Freiheit
der Detailkunst haben die Künstler ihre
Fähigkeiten gebildet. Innerhalb der großen
Bewegung bedeutet diese Leistung jedoch
nur einen Anfang.
Auf Schmuck im dekorativen Sinne kommt
es am wenigsten an; das Ziel ist eine neue
große Baukunst, die eine ganze bildende
Kunst umfaßt. Nur mit solchem Ziel als
Hintergrund waren die feierlich ankündigenden
Worte berechtigt. Denn eine Baukunst
verlangt Grundlagen, die von Mode und Experiment
nicht zu erschüttern sind, Verhältnisse
, die nur aus reifen sozialen und ethischen
Notwendigkeiten hervorgehen. Ueber
alles Aesthetisieren ist sie erhaben, weil ihre
Bedingungen von demselben starken Lebensgefühl
gesichert werden, das, nach einer anderen
Seite hin, das Religiöse produziert.
Was dem Menschen irgend groß und erhaben
scheint, krystallisiert sich in seiner Baukunst,
und erst dann ist ein Volk seiner selbst gewiß
, wenn es Symbole seines Geistes in feierlichen
Architekturen errichten und begreifen
kann. Das Ornament ist ein wichtiger aber
nur kleiner Teil des Problems. Alle Elemente
der großen Baukunst necken sich hier im
freieren persönlichen Spiel, als Kling und
Klang, das Gesetz wird in Stimmungswerte
aufgelöst, und die Gleichung zwischen Seele
und Notwendigkeit sucht tausend lustige
Parallelen auf. Die Gefahr, wenn das Spiel
die lange, schwere Arbeit einleitet, wie es
in der Gegenwart der Fall ist, liegt klar vor
Augen. Die Künstler halten dann gerne ihre
unterhaltsame Tätigkeit für den Endzweck
und bleiben im Anfange stecken. Mit beispiellosem
Elan hat die Bewegung eingesetzt
und in kurzen Jahren das Aeußere vieler
Dinge umgestaltet; doch jetzt bemerkt man
einen Stillstand, der zu denken gibt. Gar zu
viele suchen schon den Abschluß und die
Ruhe des Genusses, paktieren mit den „Traditionen
", das heißt: mit dem Bestehenden,
um den Boden für praktischen Nutzen zu
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