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EINE BILANZ
Notwendige sowohl wie das praktisch Schöne
erkennt, kann er mit Leichtigkeit aus den vorhandenen
Entwürfen vernünftige Modelle zusammenbauen
. Er sehe eine Rokoko-Kommode
an. Welche Liebe für das Material, wie gut
vorbereitet das Holz, wie sauber das Gesäge,
welche feine, ausprobierte Abmessung der
Verhältnisse, wieviel Solidität und gute Werkstattradition
! In solch kleinem Ding liegt
Handwerksgeist und darum auch zugleich
Kunst- und Kulturgeist; man sammelt diese
Arbeiten liebevoller Tüchtigkeit noch jetzt so
eifrig, wie gute Bilder.
Den meisten ist das Kunstgewerbe eine
glückliche Konjunktur, die es schnell zu benützen
gilt. Darum die dekorative Ausschlachtung
des echt künstlerischen Gedankens
, dessen Erniedrigung zum wenig geachteten
Schleppenträger des Luxus und die
allgemeine Fahnenflucht zum Erfolg. Immer
in Sicht des Bankerotts! Gewiß, die Künstler,
Zeichner, Handwerker und Industriellen sind
mehr Geleitete als Leitende, sie alle können
dem Zwang der Zeitströmung die Schuld geben;
aber schießlich setzt sich der sogenannte Zeitgeist
aus vielen einzelnen Köpfen zusammen.
„Man kann nichtgegen den Strom schwimmen",
heißt es; gewiß kann man! Es kommt nur
auf den Entschluß an, sich mit einem Einkommen
von viertausend Mark und einem
ehrlichen Bewußtsein zu begnügen, wenn man
zwanzigtausend auf Kosten der sittlichen
Selbstbestimmung haben kann.
Vor einigen Jahren hatte ein Buch großen,
wenn auch flüchtigen Erfolg, in dem Rem-
brandt als Erzieher der Deutschen aufgerufen
wurde. Heute wäre es zeitgemäß, einen
Mann wie Hans Sachs als Vorbild zu wählen
Er könnte lehren, daß man sehr wohl zugleich
Poet und Schuster, genial und einfach
sein kann, daß ein heller Kopf, ein warmes
Herz nicht das geringste Hindernis für die
Ausübung einer bescheidenen Tätigkeit sind,
Die Großmannssucht des gegenwärtigen Geschlechtes
, die den mit kleinster Begabung
Ausgestatteten treibt, nach lauten und klingenden
Erfolgen zu haschen und nichts von
einem kategorischen Imperativ hören will,
ALBERT KNAB
die jedes Talent mit dem Dünkel behaftet,
es wäre „Führer" und über das einfache
Empfinden des Volkes weit hinausgerückt, die
hastig frivole Art, mit dem Leben ohne ein
monumentales Verantwortlichkeitsgefühl zu
operieren, das Alte nicht gelten zu lassen
und im entscheidenden Augenblick vor der
Konsequenz des Handelns doch zurückzuschrecken
, die Genußsucht, die alle geistigen
Werte börsenmäßig organisiert und damit um
Profite würfelt: das alles, gemessen an dem
noch heute vorbildlichen Leben des Nürnberger
Schusters, wird zur Karikatur, zu einer
nationalen Schande. Ein Volk steht im selben
Verhältnis zur Menschheit, wie das Individuum
zur Gesellschaft. Der Tüchtige, der zu arbeiten
weiß, sich sein Leben, Stein auf Stein,
aufbaut und sich nicht ehrlicher Irrtümer
schämt, kann gar nicht verderben, während
der im Gebäude des Tageserfolgs Wohnende
vom ersten Sturm schutzlos gemacht wird.
Und ein Volk, das so einfach und tüchtig
arbeitet, wird Werte prägen, die alle hastigen
Industrie-Erfolge überdauern. In seiner Armut
wird es das reichere sein, wird eine
Kultur schaffen, ohne es zu wissen. Denn
nur das ist wahre Kultur, was aus dem
Charakter der Nationen als ein Gegenbild
geistigen Wollens hervorgeht. Unser Böcklin
hat sich um nichts gekümmert, als um das
ihm anvertraute Talent, hat gehungert und
nie den Erfolg gesucht, den er mit seinen
Mitteln des Geistes doch so leicht hätte
zwingen können. Aber das Resultat der sittlichen
Selbsterziehung dieses Einzelnen ist
auch ein Werk, das unsere ganze Bewegung,
wie sie sich bis jetzt entwickelt hat, reichlich
aufwiegt, ein Kulturwert, der durch nichts
Aeußerliches zu erschüttern ist. Wenn die
große, fruchtbare Idee der neuen architektonischen
Kunst ebenso ernst verwaltet wird,
kann es gar nicht fehlen, daß sie einst alle
die großen, berauschenden Hoffnungen erfüllt
, die am Anfange so siegesgewiß ausgesprochen
wurden, und als deren tätiger Jünger
sich mancher der Enttäuschten ganz gewiß
auch ferner fühlen möchte.
Friedenau. Karl Scheffler
ZIERLEISTE
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