Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 8. Band.1903
Seite: 281
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fritz schumacher * zierleiste

FRITZ SCHUMACHER

von Erich Haenel

Die verworrenen Linien, in denen sich bis
jetzt auch dem Näherstehenden das Bild
der neuen künstlerischen Bewegung malte,
beginnen sich gemach zu klären. An der
Aufgabe, die Klassiker dieser universalen
Gefühlswandlung als Menschen und als Propheten
begreifbar zu machen, sind heute wohl
die besten unter den zahlreichen kritischen
Forschern tätig. Gerade bei Ruskin spielen
indes so viele Momente religiöser und sozial-
reformatorischer Art in die künstlerische
Kulturarbeit hinein, ja überwuchern an manchen
Stellen diese so auffällig, daß die für
unser Wollen maßgebenden Grundströmungen
seines Lebenswerkes, so tief und erhaben sie
dahinfluten, nur selten sich in tagheller Beleuchtung
dem Auge darbieten. Immerhin
kann Deutschland vor dem Vorwurf der Ver-
ständnislosigkeit gegenüber dieser außergewöhnlichen
Erscheinung sicher sein, deren
Name vor einem Lustrum noch in mystischem
Dämmer verschwamm, und deren Wert heute
schon fast ein halbdutzend zum Teil höchst
feinsinnige und kenntnisreiche Buchbiographien
monumentalisieren. Wie tief seine
Theorien in die künstlerische Gesinnung und
reinmenschliche Lebensauffassung der kontinentalen
Germanen Furchen zu ziehen vermögen
, darf man freilich heute noch nicht
fragen. Vorläufig scheint die Persönlichkeit
von William Morris, der als Künstler mehr
praktische Vielseitigkeit und schöpferische Unmittelbarkeit
, als Theoretiker weniger innere
Widersprüche zeigt, bei uns ehrlicher bewundert
zu werden. Daß seine Dichtungen dabei
noch kaum eine Rolle spielen — mit Ausnahme
des wundersamen utopischen Romans
„News from Nowhere" ist eher als Förderung
denn als Beeinträchtigung dieses Prozesses
anzusehen.

Noch immer hat der Verdacht Berechtigung,
daß die wenigen Jahre, seit das Evangelium
von jenseits des Kanals herüberdrang, wohl
einen literarischen, doch keinen populären
Sieg des neuen Glaubens heraufführten. Das
Leben fordert seine Rechte, und die Toten,
so laut auch ihr Ruhm erscholl, blieben dem
Ohr der großen Menge stumm. Sicher verdankt
van de Velde einen hervorragenden
Teil seiner Erfolge dem Umstand, daß er
selbst in dem Kampf das Banner führen, als
menschlich greif- und angreifbare Persönlichkeit
an den bedrohten Punkten auftreten und
dort, wo das Glück sich ihm neigte, mit aller
Energie seiner temperamentvollen Unermüdlichkeit
das Errungene festhalten konnte. Es
gilt dies Urteil mehr dem glühenden Eifer
des Agitators, von dem seine Schriften zeugen,
als der logischen Kraft und Anschaulichkeit
seiner Sätze. Ja, man wird gut tun, auf die
Forderung des absoluten Einklangs der theoretischen
Grundsätze mit dem künstlerischen
Schaffen bei diesem eminenten Organisator
lieber ganz zu verzichten, ehe man gezwungen
ist, seine in jedem Zuge großangelegte Natur
mit zweierlei Maßstab zu messen. Dem Romanen
fehlt die Ruhe streng logischen Denkens
, dem von der inneren Notwendigkeit
seiner Ideen fatalistisch Ueberzeugten die
Gabe, auch die historische Entwicklung anders
als vom egozentrischen Standpunkt aus
zu betrachten, dem Rhetoriker das klare Gefüge
einer sprachlich gedämpften, sachlich
harmonischen Form.

Das Land, dessen architektonisches Schaffen
ein Jahrhundert lang unter dem Zeichen der
Verwechslung von Stilarchitektur und Baukunst
stand, konnte die fremden Einflüsse
eben darum nicht kritiklos hinnehmen. Der
Zusammenstoß der beiden Mächte aber, auf

Dekorative Kunst. VI 8. Mai 1903

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