Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 8. Band.1903
Seite: 304
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0318
-sp4^> DIE KONVENTIONEN DER KUNST <&^~

Inhalt wie für die Form, für die philosophische
Erkenntnis und für deren sinnliche
Uebertragungszeichen. Aber es bleibt hier
alles unausgesprochen, weil das Wort den
höher gearteten Mitteln idealer Verständigung
nicht nachzuklettern vermag, sie also
auch nicht beschreiben und klassifizieren
kann. Selbst die Mittel der Poesie, die
doch von der Lautsprache selbst hergeliehen
werden, machen davon keine Ausnahme
, weil das musikalische Element in
ihnen nicht notwendiger Bestandteil der Wortbildungen
ist, sondern vom Kunstinstinkt
unbewußt darin niedergelegt wird. Die Freiheit
und Reinheit ihrer Mittel verbürgt der
Kunst die eindringliche Wirkung; nur sind
die Konventionen hier in demselben Maße,

FRITZ SCHUMACHER « ZIERSCHRÄNKCHEN

wie sie umfassend sind, auch logisch unbeweisbar
.

Der psychische Trieb des Kunstschaffens
beruft sich stets auf die polare primäre Lebensidee
, die sich auf vielen Wegen, also auch
auf dem der artistischen Produktion, auszusprechen
strebt. Ist diese Idee positiv —
religiös, so wird es auch die Kunst sein; ist
sie philosophisch - - pessimistisch, so spiegelt
ihr Wesen sich deutlich in den Werken des
Künstlers wieder. Kunst, die nicht auf einem
Weltgefühle basiert, — gebe es sich nun bewußt
als Erkenntnissystem oder unbewußt als Richtungsinstinkt
- - also auf jener Urkonvention,
wovon oben die Rede war, gibt es nicht; ist
es kleinlich, so beweist das Kunstwerk damit
nicht die Abwesenheit eines synthetischen
Wetlbegriffes, sondern nur dessen Minderwertigkeit
. Naturalismus, im Sinne wie das
Wort oft gebraucht wird, existiert nirgends,
weil es für den Menschen keine Wirklichkeiten
gibt, sondern nur Vorstellungen. Was so genannt
wird, ist eine Form artistischer Betätigung
, die nicht Kraft hat, sich eine eigene
Sprache für das Angeschaute zu bilden (was
sehr verschiedene Ursachen haben kann), die
an den Vorstellungen hängen bleibt, ohne sie
in Erkenntnis übersetzen zu können, und doch
glaubt, es getan zu haben. Eben weil die Kunst
nie Wirklichkeit geben kann, sondern nur Anschauungsformen
, ist sie das zuverlässigste
Barometer für das Verhältnis einer Zeit zu
den ewigen Mysterien. Und nach der suggestiven
Kraft, nach dem Nuancenreichtum
ihrer formalen Verständigungsmittel läßt sich
die geistige Kultur eines Volkes bestimmen.

Für die bildende Kunst — von ihr allein
ist fernerhin die Rede — ist eine allgemeingültige
Konvention über die Grundidee des
Lebens von großem Wert. Wenn der Künstler
sicher sein darf, sich im wesentlichsten mit
seinem Volke zu verstehen, so kann er vor
solchem Hintergrunde frei seine individuelle
Eigenart entfalten,seineMelodien klingen voller
auf dem Resonanzboden einer Religion. Der
christliche Maler durfte seine Madonna im
einzelnen bilden wie er wollte, des ersten
Verständnisses war er schon durch den Stoff
sicher, der ein Glaubens-, d. h. Erkenntnissymbol
für alle war.

Die Geschlossenheit früherer Kunstepochen
beruhte fast ausschließlich darauf, daß die
Menschen sich auf religiöse Konventionen
geeinigt hatten, und die Zersplitterung in der
künstlerischen Produktion der Gegenwart ist
ebenso aus dem Fehlen einer allgemein anerkannten
Weltidee zu erklären. „Stil" entsteht
nur durch Beschränkung, bedarf als Grundlage

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