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EHESCHLIESZUNGSZIMMER IN DESSAU
Von Prof. Konrad Lange, Tübingen
Es war ein glücklicher Gedanke des Kom-
merzienrats Krüger in Dessau, das Standesamt
im oberen Stockwerk des neugebauten
Rathauses daselbst von den Vereinigten Werkstätten
in München dekorativ ausstatten zu
lassen. Denn wenn auch die Architektur des
Gebäudes schon fertig war und nicht mehr
geändert werden konnte, so lag doch hier
die Möglichkeit vor, inmitten einer anders
gearteten Umgebung etwas wirklich Künstlerisches
zu schaffen, dessen Wert gerade
durch den Gegensatz besonders in die Augen
springen mußte.
Den Auftrag, die Entwürfe anzufertigen, erhielt
Pankok, der gerade damals auch mein
Haus zu entwerfen und zu detaillieren hatte, und
der die Dessauer Arbeit teilweise schon im
Jahre 1900, teilweise nach seiner Berufung
an die staatliche Lehr- und Versuchswerkstätte
in Stuttgart, d. h. im Jahre 1902 ausführte. Auch
hier hatte er volle Freiheit sich auszusprechen,
ein Umstand, der besonders dem Hauptraum
sehr zugute gekommen ist.
Das Dessauer Standesamt besteht aus zwei
neben einander liegenden Zimmern, einem
größeren etwa quadratischen Hauptraume, der
ungefähr die Ausdehnung eines großen Wohnzimmers
hat, und einem etwa halb so breiten
langgestreckten Vorzimmer von derselben
Tiefe. Beide Zimmer sind durch Türen
vom Vorplatz aus zugänglich. Die Türe des
Hauptraumes liegtnahe seiner rechten vorderen
Ecke, die des Vorzimmers in der Mitte seiner
einen Schmalseite. Den Türen gegenüber
befinden sich die Fenster, ein zweigeteiltes, un-
verziertes im Vorzimmer, ein dreigeteiltes,
teilweise bunt verglastes im Hauptraum.
Die Art der Benützung ist folgende: Im
Vorzimmer wartet das Brautpaar mit den
Trauzeugen, bis der Standesbeamte, aus
seinem Bureau kommend, den Raum zunächst
dem Fenster quer durchschreitet und
in das rechts daneben liegende Hauptzimmer
eintritt. Gleichzeitig verlassen auch die übrigen
Personen den Raum und betreten das Eheschließungszimmer
durch eine zweite, der
ersten benachbarte Tür'. Dem entsprechend ist
im Vorzimmer zunächst dem Fenster durch
ein hölzernes Gitter — das eine Verständigung
zwischen dem Beamten und dem Brautpaar
ermöglicht ein schmaler Gang für den
ersteren abgeteilt, und ebenso befindet sich
im Hauptzimmer zunächst dem Fenster der
Platz für den Beamten, ein achteckig in den
Dekorative Kunst. VI. 9. Juni 1903. 321 41
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