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Es hat zwar in diesen Heften auch das
schlichtere Erzeugnis des Kunstgewerbes
gelegentlich Berücksichtigung gefunden, ja
man hat sich sogar manchmal recht erbaut
gezeigt von der biederen Ruhe holländischer
Interieurs und holländischer Geräte. Dennoch
bleibt aber beim Durchblättern etlicher Jahrgänge
der Gesamteindruck, daß in erster Linie
dem Luxus und dem Reichtum gedient sein
sollte, denn es ist ja im Grunde ganz einerlei,
ob sich dieser Luxustrieb im raffiniert Vereinfachten
oder im Pompösen zeigt. Es fragt
sich lediglich: wem hat dieses Unternehmen
genützt? Für welche Kreise waren Publikationen
wie die „Dekorative Kunst" fruchtbringend
? Bis jetzt doch fast ausnahmslos
für die günstigst Gestellten, wenn auch nicht
bloß für Millionäre. Gewiß hat die unermüdliche
Arbeit vieler Künstler verschiedener
Nationalität und hauptsächlich die Verbreitung
ihrer Werke durch zahllose Abbildungen dazu
beigetragen, daß sich manche Leute heutzutage
etwas denken bei ihren Anschaffungen.
Ueber die eine Gesellschaftsschicht reicht
jedoch dieser Einfluß kaum hinaus, und auch
bei dieser ist übrigens die Wendung zum
Bessern noch recht problematisch. Wer etwa
daran zweifeln möchte, der braucht nur die
Blitzlicht-Aufnahmen der „Woche" mal fleißig
zu studieren, um in Kürze von seinem Optimismus
über die „Häuslichkeit" seiner ganz
hohen und mittelhohen Mitbürger geheilt zu
werden. Die „Woche" wird einst äußerst
wertvolles kulturhistorisches Material liefern
können! Freilich mag man sich beruhigen
bei dem Gedanken, daß es wohl immer solche
Käuze gegeben hat und geben wird, denen
die äußere Erscheinung der Dinge ein für
allemal gleichgültig bleibt. Insofern läge dann
also die Schuld beim Publikum, das nicht
beglückt sein will, nicht bei Künstlern,
Gewerbetreibenden und Publizisten. Karl
Scheffler aber hat in einer der letzten
Nummern dieser Zeitschrift in seinem ernsten
und wichtigen Aufsatz „Eine Bilanz" die
Erfolge, Mißstände und Scheinerfolge der
modernen Bewegung auf die Wagschale scharfer
Kritik gelegt. Da kam unabweisbar die gefährliche
Frage: Ist das Gesamtniveau unserer
Kultur, soweit sich diese in unseren Gebrauchsgegenständen
offenbart, im Verlauf
des vergangenen Jahrzehnts gestiegen? Und
die harte Antwort: „Sicher nicht" konnte
nicht ausbleiben. Es klingt grausam, aber
es ist grausame Wahrheit, wenn er weiter
ausführt: „Der geschmackvolle Mensch kann
sich, wenn er die Quellen kennt, eine hübsche
Zigarettendose kaufen, einen ästhetischen
Spazierstock, vernünftige Gürtelschnallen für
seine Frau und billigen Schmuck in guter
Form, aber ohne Bijouwert; dann existieren
noch gute Töpfe und Gläser und ein paar
andere elegante Nichtigkeiten. Das ist ungefähr
alles." — Also wer sich nicht von
Behrens, van de Velde, Riemerschmid oder
sonst einer der anerkannten Größen will
einrichten lassen, weil er nun einmal seinen
eigenen Kopf hat und nicht gesonnen ist, sich
zeitlebens Stimmungen diktieren zu lassen,
dem entginge die Möglichkeit, sich befriedigend
einzurichten, überhaupt. Durch ausgewählte
Stücke von verschiedenen Künstlern
würde die Lage nur noch verschlimmert. Es
droht da der beständige „Kunst-Kampf", die
„Formenschlacht", wie Scheffler sich geistreich
ausdrückt, indem sich ja sämtliche
Gegenstände, einer einzigen Gattung sogar,
heute gleichsam zum Individuellen emanzipiert
haben. Sie drängen sich auf, behaupten
ihre Plätze, übertrumpfen einander und lernen
sich nimmermehr vertragen. — Bis dahin
muß man Scheffler zum großen Teil recht
geben. Es kommt nun aber darauf an, das
Urübel dieser Erscheinungen zu diagnostizieren
. Sollte das alles allein durch das
Fehlen einer monumentalen Architektur erklärt
werden? Zweifellos richtig ist es ja,
daß in Zeiten hoher künstlerischer Kultur
die Baukunst obenan stand, daß sich alle
Nutzkunst wenigstens im schmückenden Detail
von ihr ableiten läßt, daß sie ihr unterstellt
sein mußte, um sich über die Caprice des
einzelnen zur echten, rechten Stileinheit zu
erheben. Trotzdem, daß in diesem Mangel
der einzige Grund für das Mißlingen der
schönen Pläne liegt, möchte ich bezweifeln.
Nicht bloß in diesem wichtigen Punkt hat
man gefehlt. Auch solange die Architektur
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