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-=^ö> DIE PFLANZE IN IHRER DEKORATIVEN VERWERTUNG <&ß^
zahllose, früher unbeachtete Kräuter und
Sträucher und so ziemlich alles, was sich
dem formensuchenden Auge in Wiese, Wald
und Garten darbietet, der sorgfältigen Wiedergabe
für wert erachtet. Am häufigsten sah
man Pelargonien, Diclytra, Nelke, Rittersporn,
Ricinus, Eberwurz, Bittersüß, Jelängerjelieber,
die Frucht der Judenkirsche, Kiefern-, Ahorn-
und Kastanienzweige dargestellt. Einige von
diesen, besonders die vier zuletztgenannten,
form in die Kunstform, die Stilisierung, wird
vielmehr nur dann gelingen, wenn der Künstler
die Naturform durch analytisches Studium,
durch Darstellung der Ober-, Unter- und
Seitenansichten und jeder Eigentümlichkeit
in den Detailformen, im Habitus und in
den verschiedenen Entwicklungsstufen gründlich
beherrscht und nun durch die Projektion
in die Fläche und Beschränkung auf wenige
charakteristische Hauptzüge zu ornamentalen
sind ja anerkannte Favorits des neuen Stils
und locken immer wieder zur dekorativen
Verwertung.
Freilich wirkt auch bei diesen stilkräftigen
Pflanzen nicht die Wahl, sondern die eindringende
Genauigkeit und Sorgfalt in der
Wiedergabe des Details und des ganzen Aufbaus
. Sehr richtig sagt Morris in einem
Vortrage über das Musterzeichnen: „Einen
natürlichen Zweig von irgend woher zu nehmen
und ihn in bestimmte Linien hineinzufoltern,
das ist ein hoffnungsloser Weg, ein Muster
zu zeichnen." Die Uebertragung der Natur-
Neubildungen kommt. Dabei haben Phantasie,
Erfindung und Schönheitssinn volle Freiheit,
und nur die Zweckbestimmung des Ornamentes
oder der Zierform und das Material
legen in jedem einzelnen Falle bestimmte
Rücksichten auf.
Solche Stilisierungen in Entwürfen, Studien
und ausgeführten Arbeiten bildeten die dritte
Gruppe und zugleich den künstlerisch wertvollsten
Teil der Ausstellung. Sie entsprachen
der Grundidee der ganzen Veranstaltung: Wie
muß die Naturform studiert und wiedergegeben
werden, um zu einer zweckmäßigen
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