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ZYL RELIEF ÜBER DEM HAUPTPORTAL
H. P. BERLAGE'S NEUBAU DER AMSTERDAMER BÖRSE
Von Willem Vogelsang, Amsterdam
enn eine Stadtverwaltung den Mut hat,
die Ausführung eines großen Werkes
trotz der Einsprache des Publikums und der
Angriffe der Presse einem Architekten zu
überlassen, dessen Kunst nicht der offiziellen
Richtung angehört, so verdient dies der
Vergessenheit entrissen zu werden. Wenn
sie überdies den Künstler unterstützt und
fördert, die Türen, solange der Plan im Wachsen
und Reifen ist, ruhig verschlossen hält
und sich alles Insinuieren und Schimpfen
mit überlegener Miene gefallen läßt, dann
gebührt ihr der Dank der Künstlerschaft.
Es ist wahrlich keine Kleinigkeit, was da
die zuständige Behörde alles vertragen muß.
Zuerst kommt die Entrüstung über das Verheimlichen
der Pläne; aber das ist noch gar
nichts, ein gelindes Säuseln gegen den
Orkan von Spott und Hohn, der entfesselt
wird, sobald einmal die Schranken fallen
und die langverriegelten Tore jedem offen
stehen.
So war es vorauszusehen, und so ist es
ja auch gekommen. In gewissen Kreisen hat
man sich über die ganze Affäre mal wieder
gründlich geärgert. Bei einigen lieben Kollegen
mag ja vielleicht ab und zu etwas Neid mit
im Spiel gewesen sein, aber auch das große
Laien-Publikum ist nicht zufrieden, und die
Kaufleute, für die doch eigentlich die Börse
gebaut ist, zeigen sich — mit wenigen Ausnahmen
— ziemlich ungehalten. Ich kann
hier die vielen, zum Teil momentan gewiß
berechtigten, praktischen Bedenken*) gar nicht
alle anführen und brauche das auch kaum,
denn erstens können deren manche leicht beseitigt
werden, zweitens trifft die Schuld den
Architekten, der mit unendlicher Geduld bemüht
war, den verschiedensten praktischen
Wünschen entgegen zu kommen, doch nur in
den allerwenigsten Fällen. Entweder waren
seine direkten Auftraggeber nicht genau genug
, über das Erforderliche orientiert, oder sie
haben sich zu rasch mit den ihnen jeweils
zur Ueberprüfung vorgelegten Zeichnungen
und Modellen zufrieden gegeben. Hier und
da fühlt man auch etwas urholländische
Schwerfälligkeit heraus, die ja so ungern mit
alten lieben Gewohnheiten bricht. Da heißt
es eben bloß abwarten, bis das Neue auch
einmal wieder unabänderliche, heilige Gewohnheit
wird. Ueber praktisch oder unpraktisch
läßt sich jetzt überhaupt noch kein
endgültiges Urteil abgeben. Wenn alles ein
Jahr im Gebrauch war, könnten wir eventuell
auf diese schwierige Frage, die von tausend
Menschen tausendmal verschieden beantwortet
wird, noch einmal zurückkommen. Auch
gegen die Trennung der Effekten- und Warenbörse
und die Einteilung der Räume erhebt
man a posteriori ein großes Lamento. An
dieser Stelle soll aber nicht der Auftrag
sondern das Werk besprochen werden.
*) Z. B. arbeitet der Ventilationsapparat, bestempfohlenes
, neues System, entschieden nicht richtig.
Dekorative Kunst. VI. n. August 1903.
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