http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0439
-^^> DER NEUBAU DER AMSTERDAMER BÖRSE <^=^
Formen und vielleicht etwas zu schweren
Farben veranschaulicht (Abb. S. 414 u. 415).
Die weiteren Säle im einzelnen zu beschreiben
, hat keinen Zweck. Das Prinzip
erscheint stets gleich, obwohl der Unterschied
in Größe, Farbe und Detail immer neue Gesamteffekte
schafft. Einmal, wie bei der kleinen
Durchgangshalle, nimmt sich das orangefarbengestrichene
Eisengerüst ganz leicht und elegant
aus, dann wieder recken sich die Träger
von den unterstützenden Streben gigantisch
empor, wie bei dem hellblauen Dachstuhl der
Effektenbörse (Abb. S. 417), bald auch, wie am
Shed-Dach der Getreidebörse, macht der weiße
Anstrich nur einen ungemein sauberen Eindruck,
wie er gerade zu dieser vom starken Nordlicht
etwas kalt beleuchteten Halle paßt (Abb. S. 412).
Und wollte man nun nach diesen Lobsprüchen
noch etwas kritisch nörgeln, es wäre leicht
genug. Da sind Brüstungen, die ohne jegliche
Ueberleitung rechtwinklig aneinanderstoßen
, Farben, die nicht harmonieren.
Ornamente sind in verschwindend flachem
Relief an hochsitzende Fensterstürze
vergeudet, ganze Figuren sind
im Brettchenstil umgeknickt, der Kopf
an der Stirnseite senkrecht, der Körper
horizontal in ein Gewölbe gelagert; in
zu weit getriebener Variationssucht
sind korrespondierende Kämpferprofile
verschieden gebildet.
Es ist gewiß allerlei zu tadeln,
ein ganzes Beschwerdebuch läßt sich
zusammenstellen. Allein wie viel
schwieriger ist es, alles von neuem
zu gestalten als mit erprobtem Material
in endlosem Abklatsch zu
operieren! Das Gebäude hat in gewissem
Grade die Fehler seiner
Tugenden. Es ist das Werk eines Vorgängers
, nach ihm haben die Weiterbildner
gut reden. Aus dem Herben
und Urwüchsigen wird sich das Raffinierte
entwickeln. Das Prinzip der
möglichsten Aufrichtigkeit und der
Befreiung vom historischen Detail
aber ist im großen und ganzen siegreich
verfochten. Eingreifende Aende-
rungen, welche diesem Prinzip ans
Leben gehen, kann nur derjenige vorschlagen
, der nicht sehen will, daß er
damit nicht gegen eine individuelle
Verirrung, sondern gegen eine unaufhaltsam
herandrängende neue Anschauungankämpft
. Ein aussichtsloses
Beginnen! Diejenigen schließlich, die,
wie viele Holländer, behaupteten, Ber-
lage's Talent sei gerade hinreichend
für den billigen Nutzbau, werden nach der Besichtigung
des Vorstandszimmers vom Effektenverein
anderer Meinung sein. Der stattliche
Marmorkamin mit dem Relief von Mendes
da Costa, die Vertäfelung mit zarter Flachschnitzerei
übersponnen, der geradezu königliche
Teppich nach Berlage's Zeichnung bekunden
sämtlich des Künstlers Sinn für unverwüstliche
Pracht (Abb. S. 418 und 419.)
Das Ganze war sicher eine enorme Kraftprobe
. Ob das den Herrn Kritikern paßt
oder nicht, ist vollkommen gleichgültig; eine
bestimmte Richtung hat sich damit zum ersten
Male einen hervorragenden Platz erobert. Und
wenn man heute durch Amsterdam geht und
überall ähnliches im bescheidenen Maßstabe
erblickt, dann möchte man die superklugen
Richter warnend an die letzte Zeile des
Spruches vom „hämischen Kritteln" erinnern:
„Zuletzt darf nicht fehlen: heimlich bestehlen".
DOPPELSÄULE AUS POLIERTEM GRANIT MIT
FLACHEN, GERASPELTEN ORNAMENTBÄNDERN
421
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0439