http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_08_1903/0472
KÜNSTLERISCHE HOLZSPIELSACHEN
Pvie erst in diesen Jahren in Fluß gekommene
Bewegung einer künstlerischen Erziehung hat
gerade auf dem Gebiete der Kindererziehung die
meisten Zweifler und viele Gegner gefunden. Inzwischen
ist aber das Augenmerk aller auf gute,
künstlerisch wertvolle Bilderbücher und auf die
viel zahlreicheren schlechten so gelenkt worden,
daß hier schon Wesen und Wert der »Kunsterziehung
des Kindes« anerkannt wurde. Das Spielzeug
blieb bisher fast ganz außerhalb des Gebietes
der gestaltenden wie der nur beobachtenden Freunde
und Erzieher unserer Kinder. Denn wenn auch
verschiedene und ganz hervorragende Künstler für
ihre Kinder allerlei einfaches aber köstliches Spielzeug
schufen, das unbewußt den theoretischen
Forderungen aller Pädagogen entsprach, — ich erinnere
mich hier an Spielzeug, das ich bei Len-
bach, Kaulbach, Hengeler oder Riemerschmid
gesehen habe - - so hat dieses Wenige doch nie in
größerem Kreise wirken können, schon deßhalb
nicht, weil nicht an eine leichte massenweise Herstellung
des einmal gefertigten Spielzeuges gedacht
war.
Das Bayerische Gewerb e m useu m in Nürnberg
erließ nun im März dieses Jahres ein Preisausschreiben
, das als erstes in seiner Art ganz besonders
erfreuliche Resultate gezeitigt hat. Es
verlangte »Entwürfe zu charakteristischen Holzspielsachen
, welche geeignet sind, im Sinne der
kunsterzieherischen Bestrebungen unserer Tage anregend
und fördernd auf den Geschmack und die
Phantasie der Kinder einzuwirken«.
Was bisher die Spielwarenindustrie den Kindern
lieferte und das, was nun Pädagogen und Kunsterzieher
den Kindern als Spielzeug in die Hand
geben wollen, war im Bayerischen Gewerbemuseum,
wo die eingelaufenen Arbeiten einige Zeit ausgestellt
waren, in höchst eindrucksvoller Weise nebeneinander
zu sehen. Zumal da das Spielzeug alten
»Geistes« meist in vollständiger Ausführung, das
künstlerisch Wertvolle und Willkommene aber mit
wenigen Ausnahmen nur im Entwürfe oder als
Modell eingelaufen war, so traten alle pädagogischen
Fehler des bisher üblichen Spielzeuges abstoßend
oder lächerlich ins Auge. Fast als ob der Lieferant
auf möglichst rasche Abnutzung spekuliere, ist das
alte Spielzeug, was natürlich auch gern dem »modernen
Stile« etwas abguckt, so zerbrechlich, so
kompliziert und naturalistisch hergestellt wie möglich.
Die Puppenstube zeigt vielleicht allen Komfort,
sicherlich allen Plunder und Krimskrams eines
Talmi-Salons. Die Figuren des Puppentheaters sind
so langweilig und so charakterlos als sie natürlich,
ganz wie die Großen, gekleidet sind. In den
igor grabar
kamin im ausstellungssaal
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