http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_09_1904/0163
STEPHAN SINDING
Von Max Osborn
Seit den Tagen des großen Dänen Bartel
Thorwaldsen, das ist ohne Zweifel, hat
kein nordischer Bildhauer außerhalb seiner
Heimat so viel Ruhm gefunden wie Stephan
Sinding, der Norweger. Die Entwicklung
der skandinavischen Plastik, die zwischen
diesen beiden Persönlichkeiten liegt, hat sich
in der Stille abgespielt; nur die Endpunkte
der bedeutungsvollen Linie, die sich von der
einen zur andern durch das neunzehnte Jahrhundert
zieht, haben die Aufmerksamkeit der
europäischen Kunstwelt auf sich gelenkt.
Wie Thorwaldsen die Stimmung und Anschauung
der Zeit um 1800 in seinen Werken
spiegelte, so sucht in Sindings Schöpfungen
der Geist der Gegenwart durch die
abstrakte Sprache der reinen Form konzentrierten
Ausdruck. Dabei zeigt sich von vornherein
der fundamentale Unterschied der beiden
Epochen mit voller Deutlichkeit. Das
Zeitalter der alles umfassenden Humanität
erblickte in dem Ideal der Antike ein Muster
und Ziel für die Kunst aller Völker, und
Thorwaldsens Plastik stellte dieses Strebens
reinste Verkörperung dar, der Deutsche, Franzosen
, Italiener gleichermaßen folgten. Die
Periode des Individualismus um 1900 aber rückt
trotz der intimer und lebendiger gewordenen
internationalen Beziehungen die nationalen
Eigentümlichkeiten auch in der Bildhauerkunst
mit Entschiedenheit in den Vordergrund, und
neben dem Franzosen Rodin, dem die sinnliche
Schönheitsfreude des Galliertums den
Meißel führt, neben dem Belgier Meunier,
in dessen Kunst sich wie in seinem Volke
germanische und romanische Elemente verschmelzen
, neben Adolf Hildebrand und
Max Klinger, in denen deutsche Sehnsucht
nach geschlossener Form und deutsche Sehnsucht
nach Ausschöpfung des tiefsten Empfindungsgehalts
um Ausdruck ringen, tritt
Stephan Sinding als ein Verkünder spezifisch
nordischen Wesens. Wohl war auch ihm,
wie den andern modernen Meistern, die eben
genannt wurden, die Antike eine Lehrmeisterin
. Doch wenn der Klassizismus durch
sie seinen Jüngern die Bahn vorschreiben
wollte, die sie zu gehen hätten, sucht die
Gegenwart ihr selbständig gegenüberzutreten,
sich an ihr zu bilden, durch die Reife und
Hoheit ihrer Formanschauung zu bereichern,
aber auch mit der stolzen Sicherheit zu
durchtränken, mit der das Griechentum der
eigenen Innenwelt in den Gebilden seiner
Kunst Gestalt lieh. Was Sinding in jahrelangem
Studienaufenthalt zu Rom an Eindrücken
und Anregungen in sich aufnahm,
benützte er lediglich dazu, seine individuelle
künstlerische Sprache auszubilden und zu
steigern. Noch in Rom selbst vollendete er
iJic Kunst für Alle XIX, 6. 15. Dezember 1903.
129
17
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_09_1904/0163