Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 10. Band.1904
Seite: 433
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_10_1904/0469
DIE PFLEGE HEIMATLICHER BAUWEISE

Die Erkenntnis, daß endlich wieder auf
Grundsätze im Bauen zurückgegriffen
werden müsse, welche dem Boden, den klimatischen
Verhältnissen, der Arbeitsweise
und den Gebräuchen eines Landes entsprechen,
scheint sich allmählich Bahn brechen zu wollen.
Man richtet seitens der Behörden die Aufmerksamkeit
auf Dinge, an denen sich die
obigen Grundlagen deutlich ausgesprochen
vorfinden, die aber unter dem Einflüsse einer
allzulange schon dauernden Herrschaft fremder
Formen nicht bloß geringer Beachtung für
wert befunden worden sind, sondern vielfach
der Zerstörung anheimfielen. Die einfache
Art der Lösung mancher architektonischen
Fragen im ländlichen Hausbau, die Treffsicherheit
, mit der schlichte Werkmeister
ihre Aufgaben auffaßten, der klare Ausdruck
der Uebereinstimmung zwischen dem Innern
des Hauses und seiner äußeren Erscheinung,
das alles verschwand allmählich unter der Einzwängung
der Lernenden in eine, ganz mit
Unrecht auf allen Gebieten eingeführten Erziehungsweise
, die weit mehr Ansprüche an
den Verstand stellt als an das Gefühl. Und
Gefühl gehört nun eben doch einmal zum
Bauen, nicht bloß positives Wissen. Die
künstlerischen Erziehungsmittel haben sich
vielfach, in den Mittelschulen am meisten,
in etwas verwandelt, das nicht zur Kunst
führen kann. Man braucht nur den Zeichnungsunterricht
und seine Resultate an den Gymnasien
zu studieren. Aber auch in den höheren
Schulen ist vieles gründlich verfahren. Nicht
der natürliche Weg, der durch zahlreiche
Beispiele deutlich erkennbar ist, wurde beschritten
, nicht das Naheliegende und durch
die Verhältnisse Gebotene wurde zum Ausgangspunkte
der wesentlichen Ueberlegungen
gemacht, vielmehr hat die Ausbildung der
Ummantelung des Hauses den Ausschlag gegeben
und auf diese Weise einen Tiefstand
der architektonischen Leistungen auf dem
Gebiete der bürgerlichen Baukunst herbeigeführt
, wie er überhaupt kaum je zuvor
existierte.

Es war kein Geschenk wohl wollen der Mächte,
als der Grundsatz, vor allem in den Schulen,
sich Bahn brach, Tempelgiebel, Säulen, Pi-
laster, Fenster und Türformen dieser und
jener Periode der Baukunst seien Elemente,
mit denen man beliebig wirtschaften, die man
am Nordkap ebenso wie unter dem Aequator,

auf den Südsee-Inseln ebenso wie an den
Havelseen und Umgebung zur Verwendung
bringen könne. Das schlimmste war, wie gesagt
, daß diese Art der Ueberlegung sich in
den Schulen festsetzte; dadurch ist das Uebel
systematisch nach allen Seiten hin verbreitet
worden. So lange Zimmermann und Maurermeister
ihr Handwerk auf dem Bauplatz
gründlich lernten, existierte die lokale Tradition
. Sie schuf Gebilde, an denen Zweck und
Erscheinung im Einklänge mit der Oertlich-
keit harmonisch zur Ausbildung gelangten.
Sie schuf Dinge, denen trotz einer gewissen
Familienähnlichkeit der individuelle Ausdruck
keineswegs fehlt; jeglich Ding stand da richtig
an seinem Platze, eines im Verhältnis zum
andern und zum Boden, auf dem es stand.
Es waren Raumschöpfungen hochkünstlerischer
Art, einfachem Sinn entsprungen, der seine
Erwägungen weit sicherer traf, als es unserer
Zeit beschieden ist, die alles auf dem Wege
der Verstandesarbeit zu vollbringen sucht und
damit allmählich ein Menschengeschlecht
schafft, das unangenehm viel weiß und doch
keine wahre innerliche Kultur besitzt.

Mit dem Moment, wo der auf der Schule
herangebildete Baumeister die Resultate seiner
Hörsaal-Studien allem übrigen voranstellte,
trat der Umschwung zugunsten einer Arbeitsweise
ein, die heute weit weniger nach den
inneren und äußeren Notwendigkeiten fragt,
als sie einen internationalen Formalismus zum
Ausdruck bringt, so daß Th. Fischer in einer
Arbeit über Stadterweiterungen mit vollem
Recht sagt, auf keinem Gebiete trete die Un-
natürlichkeit und Verschrobenheit unserer
Kultur so beleidigend zutage, wie bei jener
Tätigkeit, die der moderne Mensch auf
die Herstellung seiner Wohnung verwendet.
Das Gleiche trifft in ebendemselben Maße
bei ländlichen Bauten zu. Auch hier hat
die Stilinvasion greuliche Verwüstungen angerichtet
und verödend gewirkt. Die ins
Praktische übersetzte Bauformenlehre ist
unter der Handhabung ungezählter Unberufener
zu einer Kulturäußerung niedrigsten
Grades herabgesunken. Und nun heißt es:
Umkehren! Die erlassenen Verordnungen
verlangen Pflege der heimischen Bauweise,
tunlichste Erhaltung eigenartiger Orts- und
Straßenbilder und ermahnen zu einer gebührenden
Rücksichtnahme auf die bauliche
und landschaftliche Umgebung bei allen neuen

Dekorative Kunst. VII. n August 1904.

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