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-^4sö> JAMES A. Mc NEILL WHISTLER <^=^-
dunkel als zu hell erschien. Der Ton aller
Stoffe und Vorhänge sollte sich in dem des
Raumes verlieren. Künstliche Beleuchtung
fand Whistler geschmacklos. In Galerien
hielt er ein bräunliches Silbergrau, seiner
anspruchslosen Neutralität wegen, für das
Beste als Hintergrund seiner Bilder.
Whistler malte
am liebsten zur
Zeit der Dämmerung
, was zum guten
Teile diePoesie
in seinen Bildern
erklärt, von der
beiharterBeleuch-
tung viel verloren
gehen muß.
„Und wenn des
Abends Nebel den
Fluß poetisch wie
mit einem Schleier
umhüllen und die
trostlosen Bauten
sich in der trüben
Luft verlieren,
wenn die hohenKa-
mine sich in Kam-
panile wandeln und
dieWarenhäuser in
Paläste der Nacht
— und wenn dann
wie im Märchenland
eine hängende
Stadt sich vor
uns aufbaut, gerade
dann eilt der
Wegtrapper heim,
der Arbeiter und
der Gelehrte und
die Vergnügungsbummler
hören auf
zu denken, wie sie
aufgehört haben zu
sehen. Die Natur,
die wieder einmal
ihre Harmonien
angestimmt, singt
ihr köstliches Lied
dem Künstler
allein, ihrem Sohn
und Meister, ihrem Sohn, den sie so liebt,
ihrem Meister, der sie so versteht."
Diese Stimmungen und Reflexionen beherrschen
Whistler beim Malen, sie geben
den Schlüssel zur Kunst, seine Bilder zu
würdigen und würdig aufzuhängen. Aber
so Wenige Natur und Kunst der Dämmerung
kennen, so selten werden Whistlers
f. a. von kaulbach
Bilder den Raum finden, der zu ihnen
gehört.
Ueberdies wird dem Verständnis für
Whistlers Bilder häufig genug entgegenstehen,
daß der Maler der Dämmerung nicht Naturalist
oder Realist sein, sondern nur Farbenharmonien
erreichen und reich genug wiedergeben
wollte. „Der
Imitator ist ein
armes Geschöpf.
Wenn der Maler,
der nur den Baum,
die Blume, die
Dinge so malt, wie
sie vor ihm gerade
sind, ein Künstler
wäre, so wäre der
Photograph der
König der Künstler
. Der Künstler
hat ein Mehr zu
leisten — im ganzen
, in der Komposition
hat er die
Blume nur als
Farbenschlüssel
zu behandeln —
nicht als Modell."
Whistler hat vielerlei
und mit
glänzendem Geschick
über seine
Anschauungen
über Kunst und
Künstler, über
seine Kunst und
das Publikum veröffentlicht
.
Für uns Genießende
ist das
von großem Vorteil
— ihm selbst
hat es entschieden
sehr geschadet
. Whistlers Verhältnis
zum Publikum
ist ein eigenes
, interessantes
bildnis Kapitel — eine
Sammlung von
Epigrammen voller Witz und Paradoxen zur
großen Geschichte der tragischen Aufgabe
aller Einzelnen, ein tragikomisches Kapitel
über der Menge „Intellekt" und Schwerfälligkeit
.
Seine „Zehn - Uhr - Vorlesung" (deutsch
kürzlich bei Heitz in Straßburg erschienen)
ist eine köstliche — leider nur zu wahre
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