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EINE SENSUALISTISCHE KUNSTLEHRE
von Prof. Konrad lange-Tübingen
» ]~Ve Aesthetik der Zukunft wird sensualistisch
sein wie die Langes, oder sie wird so unwissenschaftlich
und nebelhaft bleiben wie bisher.«
Diese Worte von Hans Kurella beziehen sich nicht
auf mich, sondern auf eine nachgelassene Schrift
des dänischen Mediziners Carl Lange (f 1900), die der
Genannte kürzlich herausgegeben hat.*) Man könnte
danach annehmen, daß es sich um eine neue ästhetische
Theorie handelte, und einige unserer jüngeren
ästhetischen Dilettanten sind denn auch glücklich
darauf hereingefallen und haben der Welt verkündet,
daß nunmehr alles in der Aesthetik in Ordnung sei.
Da hierbei in der Regel ein paar Bemerkungen über
Unfruchtbarkeit Carl Lange wiederholt mit Recht
hervorhebt. Dann in der offenen Selbstverständlichkeit
, mit der die Kunst im Gegensatz zu gewissen
ideologischen Phrasendreschereien der neuesten Zeit
in erster Linie als Genußmittel gewürdigt wird. Wenn
dies schon den Vorwurf des Materialismus verdiente,
so würden Kant und unsere klassischen Dichter
auch Materialisten gewesen sein. Ferner in der Abneigung
gegen die Definition des Schönheitsbegriffes,
Auch der Verfasser will keine absolute Definition
für etwas geben, was nur eine relative Bedeutung
habe. Und es erinnert geradezu an Aussprüche in
meinem »Wesen der Kunst«, wenn behauptet wird,
FRITZ VON UHDE DREI MÄDCHEN
Große Kunstausstellung Dresden 1904
mich abfallen, die Schrift überhaupt mehrmals mit
meinem „Wesen der Kunst" zusammen rezensiert
worden ist, wird es vielleicht manchem erwünscht
sein, wenn gerade ich meine Stellung zu dieser materialistischen
Kunstlehre etwas genauer präzisiere.
Zunächst will ich betonen, daß ich in vielen
Punkten völlig mit meinem Namensvetter übereinstimme
, z. B. in der abweisenden Stellung gegenüber
der modernen Psychologie, deren ästhetische
*) Sinnesgenüsse und Kunstgenuß. Beiträge zu einer sensua-
listischen Kunstlehre von Carl Lange, weil. Professor in Kopenhagen
, herausgegeben von Hans Kurella, Wiesbaden, Verlag von
J. F. Bergmann, 1903 (Separatabdruck aus den Grenzfragen des
Nerven- und Seelenlebens von Löwenfeld und Kurella).
keine Form und keine Farbe sei an sich schön,
sondern werde es erst durch die Disposition des
Beschauers. Ueberall zeigt sich ein wohltuendes
Streben, das Reinkünstlerische losgelöst von allem
anderen zu erkennen. Auch Carl Lange weiß ganz
gut, daß die neuen Gedanken, mit denen uns ein
Dichterwerk überrascht, mit Kunst nichts zu tun
haben, daß es keine künstlerische Aufgabe ist, über
Probleme zu debattieren. Es ist ihm wohlbekannt,
daß es eine ethisch völlig indifferente Kunst gibt,
die nur um der Kunst willen, l'art pour l'art, da ist,
und bei der der Inhalt nur eine sehr geringe Rolle
spielt. »Wer von uns könnte sich nicht an Hunderte
von Bildern erinnern, deren Gegenstand ohne das
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