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EINE SENSUALISTISCHE KUNSTLEHRE — VON AUSSTELLUNGEN
mehr nach der anderen gravitieren wird. Der Aesthe-
tiker wird daraus nur den Schluß ziehen, daß es
nicht die Aufgabe der Aesthetik sein kann, ihre
Gesetze einer dieser Perioden zu entnehmen, sondern
sie allen in gleicher Weise anzupassen. Das
kann sie aber natürlich nur mit einem Prinzip, in
dem die verschiedenen Wirkungsmittel als gleichberechtigte
Elemente enthalten sind. Und ein solches
ist die Illusion. Man kann, um das Prinzip der
Illusion zu billigen, Idealist und Realist, Romantiker
und Klassizist sein, da dasselbe ja über die
Art der Naturanschauung, mit der jeder Mensch an
das Kunstwerk herantritt, nichts aussagt, sondern
nur verlangt, daß das Kunstwerk der Naturanschauung
des Genießenden entspreche. Ob man nun
bei der Illusion annehmen will, daß der ästhetische
Genuß eine Summierung der in den beiden Vorstellungsreihen
enthaltenen Einzelgenüsse ist, oder
ob man ihn, was ich vorziehe, auf die Form der
Anschauung selbst, d. h. auf den Wechsel der beiden
Vorstellungsreihen, oder auf die Uebereinstimmung
der eigenen Gefühle und Vorstellungen mit denen
eines bedeutenden Künstlers zurückführen will, —
genug, daß die Illusion bisher das einzige ästhetische
Prinzip ist, das durch seine Vielseitigkeit und
Elastizität allen Kunstrichtungen gerecht wird.
ludwig dasio kugelspieler
Große Kunstausstellung Dresden 1904
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VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
|\/IL)NCHEN. Gegenwärtig sind im Kunstverein
eine Anzahl Werke französischer Meister ausgestellt
, die unter dem Namen der Schule von
Pont-Aven bekannt geworden sind. Wir lernen
Paul Gauguin und van Gogh, außerdem noch
einige andere Künstler aus diesem Kreise kennen.
Man steht zuerst ziemlich ratlos vor diesen
Bildern; sie weichen gänzlich von allem ab, was
man sonst an Malerei zu sehen bekommt; sie
scheinen allem Traditionellen und Gesetzmäßigen
Hohn zu sprechen. Man glaubt zu sehen, wie
diese Maler ihre Staffelei vor irgend einem Punkte
in der Natur, einem sonnenbeschienenen Stoppelfeld
mit etlichen Bäumen und Getreideschobern,
einem sandigen Wiesenhange, einem zugefrorenen
Fluße mit eingeschneiten Schiffen oder einer von
Menschen belebten Straße aufstellen und auf fünf
Schritte Abstand von der Staffelei mit meterlangen
Pinseln den farbigen Eindruck keck und kühn auf
die Leinwand setzen. Es sind aparte, koloristische
Motive, wie das Spiel des Lichtes auf dem bloßen
Nacken und Rücken eines Mädchens, der süße,
rosafarbene Schimmer des Fleisches, der farbige
Duft roter Nelken im Grünen, die grellen, leuchtenden
, glänzenden Effekte des elektrischen Lichtes,
die sie zur Wiedergabe anregen und reizen. In
solchen Arbeiten entwickeln sie das feinste Tongefühl
für ganz zarte Nüancen neben ganz rohen
Empfindungen für brutale Lichteffekte und Gegensätze
. Wie stimmungsvoll ist z. B. van Gogh's
Vagabund in der Winterlandschaft und wie feinsinnig
sind die Blumen der Natur nachempfunden,
wie roh und grob hingegen ist der malerische
Eindruck in dem Pleinairbild Mutter und Kind
fixiert. Viel näher kommt der Wirklichkeit Gauguin
in dem nackten Jungen. In dem Streben, der
Natur möglichst nahezukommen und selbst die
kompliziertesten farbigen Wirkungen doch der Gesamterscheinung
unterzuordnen, gerieten Gauguin
und van Gogh auf Abwege. Man kann nicht subtil
und raffiniert und doch zugleich einfach sein. Eine
Frau im grünen Kleide auf grellgelbem Grunde
soll die Illusion erwecken, als befinde sie sich im
Freien, vielleicht inmitten eines Gartens mit
herbstlich gelben Blättern. Diesen Eindruck reduziert
van Gogh auf die einfachsten elementarsten
Gegensätze und gibt eine Harmonie von Chromgelb
und Schweinfurtergrün, dazu die Konturen
mit festen Strichen in Pariserblau. In diese Manier
verfallen leider auch seine Nachfolger, darunter
der begabte Slewinski. Wo er sich davon freihält
, wie in dem Mädchen mit den roten Haaren
oder in einigen prächtig gemalten Blumenstücken,
da zeigt er sich als ein tüchtiger geschmackvoller
Künstler. Bernard hingegen sucht absichtlich
seine malerischen Eindrücke so primitiv als möglich
darzustellen, während Minartz schwierige
Probleme mit unübertrefflicher Geschicklichkeit
löst. Die Gruppe vereinigt in sich die merkwürdigsten
Gegensätze und Extreme, Süßes und
Herbes, Anziehendes und Abstoßendes, Naives und
Gekünsteltes, bewußtes Können und dilettantisches
Unvermögen. a. h.
P\ÜSSELDORF. Bei Eduard Schulte ist eine große
Sammlung holländischer Aquarelle ausgestellt.
Unter den vielen bemerkenswerten Arbeiten sind
besonders Blätter von M. Bauer, F. J. du Chattel,
Jos. Israels, K. Klinkenberg, A. Mauve, J. H.
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