Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 11. Band.1905
Seite: 93
(PDF, 171 MB)
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-^4^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^^~

kaiser friedrich-museum in berlin

wissen, wie in den
Tagen unseres größten
nationalen Unglücks,
als alles zu wanken
schien, der Gedanke
an die idealen Ziele
des Menschen sich
schöpferisch stark und
lebendig erwies [Dankbar
dürfen wir heute
genießen, was die
grundlegende Arbeit
jener trüben Zeit geschaffen
, aber wir
werden dieses Genusses
nur froh werden
, wenn wir auch
der Verpflichtungen
eingedenk sind, die er
uns auferlegt.'

Es gilt heute vielleicht
mehr denn je,
an unseren idealen
Gütern festzuhalten,
die Erkenntnis ihres
Wertes und ihrer rettenden
Macht unserem
Volke mehr und mehr
zu erschließen. Diese
Anstalt soll nichts anderes
sein, als eine
Sammlung des Schönen
und Edlen der Zeiten zum Nutzen und
Frommen der ganzen Nation, und so möge der
Segen Kaiser Friedrichs auch ferner über diesem
Hause und über unserer Kunst walten!«

VON AUSSTELLUNGEN

UND SAMMLUNGEN

DERLIN. Der Salon Paul Cassirer beginnt seine
winterlichen Vorführungen mit der Ausstellung
der neuesten Serie Themsebilder von Claude Mo-
net. Die dreizehn Schöpfungen, die man hier von
dem berühmten Landschafter sieht, behandeln nur
zwei Themen: Die Waterloo-Brücke und das Parlamentgebäude
mit dem Fluß im Vordergrund. Mit
einer Feinheit ohnegleichen stellt der Künstler
in diesen Bildern fest, wie sich die Brücke und
Barrys' charaktervoller Bau, Luft und Wasser
während bestimmter atmosphärischer Vorgänge zueinander
verhalten. Nur ein Maler, der ein so
empfindliches Auge, ein solches Gefühl für die
Nuance besitzt und so gar keine Schwierigkeiten
seiner Kunst mehr zu überwinden hat, wie Monet,
konnte sich an eine solche Aufgabe wagen. Diese
Themsebilder sind der Ausdruck der höchsten
Meisterschaft. Es scheint unmöglich, einem einzigen
von ihnen den Preis zu geben. Nur ein ganz großer
Künstler vermag soviel märchenhafte Schönheit
aus der Wirklichkeit herauszusehen. Diese Brücke,
über die sich eine hastende dunkle Menge, Wagenreihen
und schwankende gelbe Omnibusse in unendlicher
Folge wälzen, scheint ein Zauberwerk zu
sein. Bei bedecktem Himmel gleicht sie einem
soliden Bauwerk, dessen massive Bogen sich deutlich
und schwer von der fahlgrauen Luft und dem
trüben Flußwasser abheben. Wie anders schaut
sie aber an einem jener Nebeltage aus, wenn die
Sonne bemüht ist, die grauen Dunstschleier zu zerreißen
, die sich über die Stadt gelegt haben! Das

michelangelo-saal

Wasser erwidert zuerst den goldenen Gruß des
Tagesgestirns. Der Fluß erglüht in sanftem Feuer.
Die Häupter seiner Wellen glimmen rot, orange und
grün, in den Farben des Opals. Ueber diesen Glanz
spannen sich fünf Bogen der Brücke in einem violetten
Blau als Silhouette. Man glaubt noch gerade
an die irdische Existenz des Bauwerks. Aber wenn
das Wetter schön werden will und eine leicht verschleierte
Sonne sich über London erhoben hat, erlebt
man ein Wunder. Inmitten des von goldenen
Strahlen durchfunkelten blauen Wassers, gegen einen
von leichten Dünsten umnebelten blauen Himmel
steht in rosigem Glänze, fast durchsichtig geworden,
die Brücke. Ein Fischerboot mit rotbraunen Segeln,
das ihr zustrebt, wirkt gegen sie beinahe materiell.
Man ist geblendet von all der Pracht und hält es
kaum für möglich, daß ein so reales Gebilde, wie
eine steinerne Brücke, sich so verändern kann. Von
ähnlicher Art sind alle diese Bilder. Kaum jemals
zuvor hat in Werken der Malerei die Nuance eine so
wichtige Rolle gespielt. Ob einmal die Luft, die Brücke
oder das Wasser heller wirkt, ist in diesen Themsebildern
eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit
; denn die besondere Tagesstimmung kann nur in
solchen leisen Unterscheidungen ausgedrückt werden.
Monets Bilder, auf denen an Stelle der Brücke das
Parlamentsgebäude erscheint, dürften bereits in Paris
so viel Liebhaber gefunden haben, daß für Berlin
nur vier übrigblieben, auf denen das Gebäude stets
als blauviolette Silhouette erscheint, und die keinen
Vergleich mit den Brückenbildern vertragen. Nur
eines, auf dem weiße Mövenflügel den sanften Schein
des Tages hell auffangen, muß rühmend erwähnt
werden. Und wie sind diese Themsebilder gemalt!
Man kann sich nicht leicht etwas Suggestiveres
denken, als die mit der höchsten Weisheit auf den
oberen Teil der Brücke gesetzten wenigen Farbenflecken
, die, aus einiger Entfernung gesehen, die
vollkommenste Illusion des Verkehrs auf Waterloo-
Bridge geben. Man muß sehr stumpfe Sinne besitzen,
um von den hohen Eigenschaften dieser Kunst nicht

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