Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 11. Band.1905
Seite: 94
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VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^^p~

hingerissen zu werden. Und von einem Maler, der
die leisesten Reize der Natur so stark empfindet
und mit solcher Innigkeit, mit solcher Achtung vor
ihrer Wahrheit und Schönheit wiedergibt, wird gesagt
, er stehe ohne inneren Anteil vor der Wirklichkeit
, mache nur Kunst für die Augen. Ja, was
macht denn die Natur? Sie ist da und lebt ihr
Leben, unbekümmert, ob sie reizt und rührt. Monet
ist zu geschmackvoll, um die Kunst zu einer Dienerin
empfindungsloser Menschen zu machen, Er setzt
sie stolz neben die Natur und überläßt es den anderen
, sie nach ihrem Sinne, nach dem Maße
ihrer Liebe zu deuten. Neben einem Künstler
von solcher Intimität und Feinheit hat ein Maler
wie Louis Corinth einen schweren Stand. Selbst
einer, der weniger auffällig seine Fleischeslust bekennt
, würde neben
dem die höchste
Kultur vertretenden
Monet
kaum der Gefahr
entgehen, für roh
gehalten zu werden
. Und nun ist
Corinth außerdem
das Malheur passiert
, daß man
im Cassirerschen
Salon, gleichzeitig
mit seinen Akten,
ein wunderbar gemaltes
Stück Weiberfleisch
von Ma-
net sieht, einen
weiblichen Halb-
aktgegenGrau, mit
einem blauen Stoff
um die Hüften.
Niemals ist der
Reiz eines weißen
vollen Busens mit
größerer Meisterschaft
und dezenter
malerisch dargestellt
worden.
Man vergißt über
der Kunst, die sich
in der vollendeten
Wiedergabe dieser
zarten, von blauen
Adern durchschimmerten
Haut, dieser
wundervollen
Form offenbart, daß
der Kopf der Person
unsympathisch und die Zeichnung der Schultern
und Arme nicht ganz zuverlässig ist. Genug: Corinth
hat die schlimmste Konkurrenz auszuhalten.
Vertieft man sich jedoch ein wenig in seine neuen
Arbeiten, so bekommt man doch außerordentlichen
Respekt vor der Unerschrockenheit, mit der
er sich allen Dingen nähert und sie als Maler
anpackt. Gewiß, es ist keine feine und leider
auch nicht immer ganz reine Kunst, die er macht;
aber er stellt doch ein Stück Wirklichkeit mit so
viel Kraft und Leben auf die Beine, daß man einen
starken Eindruck davon hat. Vor Corinths Schöpfungen
hätte man am ersten Recht, von Augenkunst
zu sprechen; denn er appelliert immer stark an die
Sinne, um nicht zusagen: an die Sinnlichkeit. Er
löst kein eigentliches künstlerisches Problem, wenn
er vier lebensgroße nackte Weiber in allen möglichen
Stellungen, zusammen mit einem Neger dar-

KAISER FRIEDRICH-MUSEUM IN BERLIN

stellt; er beweist nur, daß er die derben Reize dieser
Weiblichkeit malenswert findet und sie mit Virtuosität
wiederzugeben versteht. Und er ruft mit Bewußtsein
ganz andere als ästhetische Gefühle wach,
wenn er vier in bemerkbarer sinnlicher Erregung
befindliche, auf einem als Lagerstätte drapierten
Divan postierte nackte Mädchen malt und das Bild
ausdrücklich »Freudenmädchen« nennt. Auch er
malt den weiblichen Busen mit Vorliebe und in der
Regel vorzüglich; aber mit einer Freude an der
Sache, bei der das künstlerische Moment nicht
immer obenan steht. Und während Manet nicht
daran denkt, wie seine Arbeit auf andere wirkt,
sondern nur nach dem vollkommensten Ausdruck
für die Darstellung sucht, malt Corinth seine Akte,
um sein Können zu zeigen und neben der Bewunderung
für dieses
noch andere Empfindungen
bei den
Betrachtern seiner
Bilder zu wecken.
Daher erregen Corinths
Bilder,
selbst die nicht gelungenen
, immer
Sensation beim Publikum
. Und er ist
naiv genug, seine
Absichten nicht zu
verbergen. Man
sieht förmlich, welche
Freude ihm
dieses Posieren
mit seiner Lust am
Weibe und seinem
nie versagenden
Können macht,
wenn er sich, hochaufgerichtet
, in einem
weißen Kittel
mit Pinsel und Palette
in den Händen
en face malt,
während ein vor
ihm stehendes
nacktes Weib die
Arme um seinen
Hals schlingt. Er
ist eben der Maler,
derdiesen Rückenakt
heruntermalt
als sei das gar
nichts. Man muß
dem Künstler das
Kompliment machen
, daß er sich in der letzten Zeit verbessert hat.
Seine Farbe ist nicht mehr ganz so trübe, wie sonst.
Auch sind die Sachen besser durchgeführt. Neben
jenen »Freudenmädchen«, jenem »Harem« und dem
»Selbstbildnis mit Rückenakt« muß das kleine Bild
einer jungen Frau in graubraunem Schlafrock, über
den Schultern einen weißen Spitzenkragen, erwähnt
werden, die von Sonnenlicht umspielt, in einem
Strecksessel »im Garten« liegt. Es ist nicht allein
gut und mit Frische gemalt, sondern auch sehr sympathisch
. Zu rühmen ist ferner das kleine Interieur
mit geschlossenen Vorhängen, in dem eine nackte
Schöne an der Waschtoilette ihr Gesicht wäscht.
Kräftigere Lichteffekte zeigt ein anderes Interieur,
auf dem vor den geschlossenen Gardinen eines
Erkers die Sonne brütet. Ein Mann mit einem
Bilde in der Hand sitzt darin vor einem Tisch.
Von älteren Bildern sind das kleine, bräunliche,

VESTIBÜL

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