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GAETANO PREVIATI
gaetano previati
schraffierten Pastellen verleihen, und die in
der „Maternita" vorherrschend graue Tonfärbung
ist jetzt fast immer goldgelb. Die
letzte Schöpfung dieser Richtung ist das
große Triptychon „Himmelfahrt Maria", das
1903 in Venedig ausgestellt war.
Zwei Werke, die aus dem Rahmen dieser
Serie der der religiösen Poesie entnommenen
Themen heraustreten,
aber in geistiger wie in technischer
Richtung mit diesen
eng verwandt sind, ist „La
Danza della ore" und der
„Re Sole", wenn auch das
erste kühner ist, so ist doch
das zweite vollendeter und
packender. Die ganze Poesie
der großartigen Epoche des
„Roi soleil" ist in idealer
Weise dargestellt, an Wirkung
des Ganzen erhöht durch die
leise Klage über das Vergängliche
alles Zeitlichen, die in
der Szene, in der der große
König am Arme der Favoritin
vom Prunkwagen steigt und
durch die Schar der nach
Hofsitte sich verbeugenden
Höflinge und Damen schreitet
, zum Ausdruck gelangt.
Aber das, was die Nachbildung
nie ausdrücken kann,
ist die goldene Lichtflut, die gaetano previati
das Ganze wie eine heroische
Traumatmosphäre umfängt
und das grünlich glänzende
Himmelsgewölbe, das bei
untergehender Sonne durch
das Gewölk leuchtet.
Previatis Zeichnung, die
immer aus dem Gedächtnis
und nie nach Naturmodellen
gemacht ist, geht ihm im
Schöpfungsfieber von den
Händen. Er weiß, daß er,
wenn er sie mit Hilfe von
Modellen korrigieren oder
verbessern wollte, Gefahr
liefe, die Wirkung und urwüchsige
Gewalt zu vermindern
und zieht daher eine anatomisch
ungenügende Form
einer korrekten Form vor, in
der die Idee durch die formelle
Durcharbeitung abgeschwächt
würde.
Wenn sich auch diese
Formunzulänglichkeit nicht verbergen läßt,
so verbleibt dennoch in Previatis Schöpfungen
eine solche Summe von Poesie, daß
er ohne Zweifel einer der italienischen Künstler
ist, die am meisten verdienen, von den
Ausländern gekannt zu werden. Ein seltener
Künstler, der nur für seine Idee lebt und
die Kunst wie eine heilige Mission betreibt.
schmetterling
weintrauben
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