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DEREN VERHÄLTNIS ZU NATUR UND BILD <^W-
monisches Ganzes. Einerseits ist sie ein sichtbares
äußeres Begrenzungsmittel des Dargestellten
, andererseits ein diesem zugrunde
liegendes fühlbares Element, auf dem sich
die einfachsten Kontraste und linearen Vermittlungen
aufbauen. Wie wir gesehen haben,
bildet das aus einer Horizontalen und einer
Vertikalen entstandene Kreuz -f meistens die
Grundlage der einfachen Linearkontraste für
die großen, an die Architektur sich angliedernden
Darstellungen früherer Zeiten;
bis mit der Ausnützung des Diagonalkreuzes X
in der Vereinigung mit weiter verstärkten
anderen Gegensätzen die Selbständigkeit des
Bildes immer mehr zunimmt. Mit dem Studium
frühchristlicher und gotischer Kunstwerke
wird den horizontal-vertikalen Kontrasten
neuerdings ein erhöhter Wert zufallen
müssen. Hierin haben wir auch vor allem
die Bedeutung der Hodlerschen Kunst, des
in der letzten Zeit so sehr gepriesenen
Schweizers zu suchen. Und auch für das
Verständnis der formal und koloristisch so
hervorragenden und vielfach mißverstandenen
eigenartigen dekorativen Kompositionen
Klimts wird der Sinn für die harmonische
Ausnützung der Linie und ihrer einfachsten
Kontraste von Nutzen sein. Bei Khnopff und
Toorop, welche als Vorkämpfer mitgenannt
werden müssen, werden wir Aehnliches
wahrnehmen.
Am besten sehen wir vielleicht in den
späteren Schöpfungen Millets gegenüber denen
von Corot den Unterschied des linearen Aufbaues
im Bilde. Durch diesen kennzeichnet
sich auch Milletscher Einfluß. Mit Segan-
tini und Kalckreuth können wir zwei hochbedeutsame
Beispiele anführen, die in der
Verbindung mit den neuen impressionistischen
Errungenschaften und im formalen
Aufbau auf Millet zu eigenartigem Stile gelangen
.
Stil ist in erster Linie Sache der Form,
und zwar ergibt die einheitliche Durchführung
einer Grundform mit ihren künstlerischen
Abwechslungen den Stil. Derselbe ist übrigens
auch eine natürliche Folge des Impressionismus
; diesem liegt ja die Empfindung für einfache
große Formen zugrunde, deren einheitliche
Durcharbeitung und straffere Betonung
wieder zum Stile führen mußte. So schreibt
Liebermann in seinem interessanten Essay
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