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VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=v~
denen Klang: Marees, Böcklin, und fast zu
gleicher Zeit Lenbach, Feuerbach, Leibi und
Hans Thoma.
Wenn wir die ganze Entwicklung nochmals
überblicken, so sehen wir, daß Kunst im
edelsten Sinne durch bewußt empfundene Verwertung
großer natürlicher und künstlerischer
Gesetze, unterstützt von eingehendstem Naturstudium
, geschaffen wird, und daß, im ständigen
Weiterbau mit Neuentdecktem und
Wiedergefundenem, das Aeußere der Bilder,
den Kenntnissen und Sitten der Zeit entsprechend
, einem ständigen Wechsel unterliegt.
Ferner erkennen wir, daß das Verständnis für
moderne Kunst und ihre Entwicklung mit
dem Verständnis der bedeutendsten klassischen
Meister und deren künstlerischer Entwicklung
in einem bestimmten Zusammenhange steht.
Und endlich müssen wir uns sagen, daß
große Kunstepochen nur durch ein Vereinigtes
hervorgerufen werden können: Durch das
ernsteste künstlerische Streben von Seiten der
Schaffenden und durch ein gleiches verfeinertes
Verständnis der Kunstsinnigen, die
dieses künstlerische Streben unterstützen und
fördern.
Soll also die deutsche Nation in ihrer künstlerischen
Entwicklung nicht zurückbleiben,
so ist mit der höchsten Bewunderung für jede
Art klassischer Kunst die eingehendste Entwicklungsförderung
der Kunst unserer Zeiten
von allen Seiten anzustreben. Denn nur dann
wird es möglich sein, daß Deutschland im
Sinne nationaler Kunst im allgemeinen Kampfe
der Nationen in Zukunft künstlerisch siegend
bestehen kann.
VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
VV71EN. Ausstellung der Wiener Sezession. Diese
Ausstellung trägt den Charakter einer rein
malerischen Darbietung. Nur das Bild als Selbstzweck
, das Staffeleibild pur et simple, herrscht
mit einer einzigen Ausnahme rein und ungestört.
Dadurch, daß Einzelwerke vermieden sind und jedem
der ausstellenden Künstler eine vielfache Aussprache
ermöglicht wurde, ist die Gruppierung der Werke
in sehr übersichtlicher Weise angeordnet. Der Franzose
Jacques Emile Blanche, der Spanier Cameras
Anglada und der Belgier Constant Montalde
beherrschen jeder für sich einen Saal. Im großen
Mittelraum hängen Kollektionen von Besnard,
Lucien Simon, Gaston la Touche, Christian
Landenberger und Wilhelm Trübner. Die
meisten dieser Individualitäten sind den Lesern
dieses Blattes durch Wort und Bild so wohl bekannt
, daß eine nähere Charakterisierung ihrer Leistungen
wohl überflüssig ist. Nur zwei Erscheinungen
dürften eine Ausnahme bilden. Das ist vorerst Constant
Montalde, ein Brüsseler Maler, der ganz
merkwürdige Affinitäten mit dem Parallelismus von
Hodler zeigt und auch dekorative Farben- und
Stilvisionen bringt, welche an Klimt und die Wiener
Schule streifen. Sein dekoratives Wandgemälde
»Vers l'ideal« ist wirklich groß gedacht. Eine Barke
verläßt die grünrote Bucht, welche von blauenden
Bergen umsäumt ist. Schlanke, ernste Genien, zwei
zu zwei gepaart, lenken das Schiff hinaus, dem Ideale
zu. Drei Genien der Kunst stehen sinnend am
Ufer, ein vierter löst mit unendlich naiv lieblicher
Gebärde den Strick, welcher das Boot noch festhält
. Nebst diesem Gemälde bringt Montalde eine
große Reihe von Problemen der Bewegung und der
Koloristik. Rückblicke auf die Antike, Linienrhythmen,
dieMaeterlinckschen Geisteszugaufweisen, und dekorative
Versuche, die, wie gesagt, mit den Wiener
Stilbestrebungen leise zusammenklingen. Eine edle
Unruhe ist in dem Künstler, welche hoffentlich einmal
in harmonische Ruhe ausklingen wird. Die
zweite Erscheinung d'Anglada ist eine Ueber-
raschung, eine verwirrende Persönlichkeit. Ein
Wirbelwind von Farbe, Flecke und Flecke. Das
stöhnt und schreit auf und flüstert und verhaucht.
Da ist Satanismus und Dyonismus und modernster
Nervenschauer durch die Palette ausgedrückt. Ein
Stück Goya lebt in diesen »Zigeunerinnen«, im
»Hahnen-Markt«, in der »Morphinistin«. Aber ein
Goya, getaucht in die tobenden Wellen eines farbentrunkenen
Temperamentes, welches das Leben als
Feerie erlebt. Die folgende Ausstellung wird nur
Werke der Bildhauerkunst umfassen. b. z.
DERLIN. Im Künstlerhause bemühen sich die
Vereinigten Berliner Klubs ein Bild von der
künstlerischen Regsamkeit in der Reichshauptstadt
zu geben. Im allgemeinen sieht die Sache nicht
übel aus, im besonderen vermißt man jedoch führende
Erscheinungen und frappante Leistungen, wofür
ein munteres Durcheinander doch nur einen
mangelhaften Ersatz zu bieten vermag. Man hat
Arthur Kampf's »Loge« noch nicht in Berlin gesehen
, sonst würde man in dem Volkssänger, der
die Hände zwischen den Knien, die Mandoline unter
dem Arm, während einer »Spielpause« wartend im
Künstlerzimmer sitzt, den Herrn aus jener »Loge«
wohl wiedererkennen. Das Bild ist nicht ohne Verdienste
. Allerdings spürt man trotz des pfiffig lustigen
Ausdrucks im Gesicht des mageren langhaarigen
Musikanten noch etwas das Modell; aber nach der
farbigen Seite — der Mann sitzt vor einer dunkelgrünen
Portiere und das Licht kommt gedämpft aus
dem Nebenzimmer — ist es erfreulich geschmackvoll
, freilich ohne daß ein eigentlich malerisches
Problem gelöst wird. Vorzüglich wirkt ein kleines
Bild von Otto H. Engel, zwei miteinander sprechende
junge friesische Frauen auf einer Bank »Im
Schatten der Laube«. So liebenswürdig und diskret
gemalt, wie man dergleichen nur wünschen kann,
und jedenfalls künstlerisch viel wertvoller als ein
»Gang durch die Felder« dreier lebensgroßer Friesinnen
, mit dem Engel gleichzeitig aufwartet. Anzuerkennen
wäre noch eine »Strandscene« des Künstlers
mit Kindern, die in der Dünung waten. Eine Reminiszenz
an Liebermann. Sodann fällt Max Fabian
sehr angenehm mit einer > Porträtstudie in Schwarz
und Rosa« auf, die als malerische Leistung turmhoch
über den Arbeiten steht, die er kürzlich bei
Schulte zeigte. Vor einer gemusterten, rosafarbenen
Tapete sitzt in einem Sessel eine junge blonde
Dame in einer schwarzen Bluse mit grauen Tupfen.
Ein Porträt, das durch Geschmack und Charme und
stellenweise sogar glänzende Pinselführung wirkt.
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