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-*^55> ÜBER MÜNCHENER PLASTIK <^=^
blendend auch das Arrangement einzelner von
Lorenz Gedon erbauten Häuser, wie z. B.
die Fassade am Palais des Grafen Schack
wirkte, so ließ sich der eigentliche Charakter
dieser Scheinarchitektur doch nicht verbergen.
Diese Plastik erwuchs nicht aus der Architektur
heraus im Anschlüsse an das organisch
Bedingte derselben, sie trug vielmehr den
Charakter einer improvisierten Dekoration,
wie man sie auf Ausstellungen und bei Künstlerfesten
entstehen
sah. Nichtsdestoweniger
fanden sich
sofort Nachahmer,
die sich dieser dekorativen
Formen
bedienten. Josef
von Kramer dekorierte
die Räume des
Cafe Luitpold im
Rokokostil, Kaindl
modellierte zahllose
Figuren und
Gruppen für unsere
Bauten. Eine Menge
handwerklich geschulter
Kräfte
stellte sich in den
Dienst der Münchener
Stukkateure
und plünderte bald
den Formenschatz
von Motiven aus
allen Stilperioden.
Es entstand das
Sprüchlein „Zopf,
Rokoko und Re-
naissan's, das ist
mir alles oans"!
DieWerkstätten der
Stukkateure glichen
großen Magazinen,
wo die Baumeister
je nach Bedarf Karyatiden
, Konsolen,
Kapitäle, Lisenen,
Muscheln, Schnörkel, Masken, Festons, Girlanden
, Kränze, Schilder etc. erstanden, womit
sie die nüchternen Fassaden der Mietskasernen
beklebten.
Gleichzeitig erwuchsen auch schon aus den
Bildhauerschulen der Akademie jüngere Künstler
, die erfolgreich auftraten. Auf den Ausstellungen
erschienen Arbeiten von Beyrer,
Gasteiger, Heilmaier, Habich, Kiefer,
Wadere. Für die neuerbaute Ludwigsbrücke
in München schufen Hahn und Kaufmann
zwei vorzüglich gearbeitete Kolossalfiguren in
wilhelm von rümann
Kelheimer Kalkstein; Netzer seinen phantasievollen
Tritonbrunnen in den Anlagen der
Herzog Heinrichstraße. Ueberall wo man hinsah
, begann es sich zu regen, Triebkräfte genug
für ein reiches bildnerisches Leben.
Aber trotz allen Ueberschusses an treibenden
Kräften trugen alle diese Erzeugnisse
doch nicht das Gepräge einer ruhigen Kraft-
entwicklung~und vollendeten Beherrschung der
Form. Es fehlt bei allen interessanten Einzelheiten
und oftüberraschend
hervortretenden
Zügen intimer
Beobachtung
der Natur doch die
Einheitlichkeit in
der Erscheinung,
die die Werke früherer
Perioden auszeichnet
. Ein Moment
, das man am
besten mit Stil bezeichnet
, vermißte
man bei Neueren.
Man kann sich bei
der Betrachtung
einer gewissen Unruhe
nicht erwehren
, die daraus
erwächst, daß diese
Kunst eine gewisse
Affektion zurSchau
trägt, daß sie selbst
in ihren Bestrebungen
unsichergeworden
, eines harmonischen
Ausdruckes
entbehrt.
„Es hat etwas Verzweifelndes
,"
schrieb schon damals
Konrad Fiedler
in seinem Aufsatze
,Moderner Naturalismus
und künstlerische
Wahrheit',
„zu sehen, wie die künstlerischen Triebe und
Kräfte in Ermanglung eines ihnen durch Zeit
und Umstände gegebenen Gebietes ratlos nach
irgend einem Boden suchen, auf dem sie sich
entwickeln können." Die ganze Produktion
beschränkte sich fast nur auf das Atelier
und die Ausstellungen. Man konnte sie am
besten mit einer Treibhauskultur vergleichen,
da jede Pflanze, abgesondert von den übrigen,
in einem Topfe groß gezogen und dann an
einen beliebigen Ort versetzt wurde.
(Schluß folgt)
MÄDCHENAKT
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