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-*^£> ÜBER MÜNCHENER PLASTIK <^^-
ADOLF HILDEBRAND
RELIEF HERMANN L E V I 'S
könnten an jedem beliebigen Orte aufgestellt
sein. Sehen wir dagegen den Wittelsbacherbrunnen
am Maximiliansplatze! Wie ist diese
Anlage mit ihrem Standorte fest verknüpft.
Sie gibt dem Platze erst ein gewisses Gepräge
, eine bestimmte Ansicht. In dieser
Weise spricht sich ein viel allgemeineres Verhältnis
zur Umgebung aus, als es in einer bloß
auf das Gegenständliche beschränkten Darstellung
möglich wäre. Die Bedeutung des
Wittelsbacherbrunnens als Gesamtkunstwerk
beruht auf der innigen Vereinigung von Architektonik
und Plastik, in der künstlerischen Gestaltung
elementarer Gegensätze von Form und
Erscheinung.
Und derselbe Meister, der in seinen Porträtbüsten
und Figuren die bloße Daseinsform so
exakt wiedergibt und im Wittelsbacherbrunnen
Architektonik und Plastik zu so vollkommener
Wirkung vereinigt, stellt uns in dem Relief
der Grablegung Christi in ergreifenden Zügen
dramatisch bewegtes Leben vor Augen.
Zugleich läßt er uns die überaus malerische,
bildähnliche Wirkung des Reliefs empfinden,
wie man sie bisher nur aus den Werken
alter Meister kannte. Durch die Abstufungen
verschiedener Raumschichten, durch
das rhythmische Hervortreten und Zurückweichen
in der Fläche wird dieser Effekt erzeugt
. Die Anordnung des Reliefs hängt mit
der Gestaltung und dem Herausarbeiten der
Form aus dem Stein aufs innigste zusammen.
Auch im Wittelsbacherbrunnen können wir
im gesamten Aufbau dasselbe Moment verfolgen
. Auch hier sind die einzelnen Gebilde
organisch miteinander verbunden, leben sozusagen
unter denselben Bedingungen in einer
idealen Raumeinheit, die sich als solche dem
Realen gegenüber behauptet.
Von diesem Werke, wie überhaupt von
Hildebrands Schaffen, sind starke Anregungen
ausgegangen, besonders nach der Seite der
dekorativen Plastik. Nur Vereinzeltes, wie
z. B. einige Arbeiten am Künstlerhause, war
schon früher im unmittelbaren Anschluß an
die Architektur entstanden. Durch Seidl,
Gedon u. a. war noch ein gewisser Zusammenhang
mit der Tradition lebendig erhalten
worden. Und auch in der Folge fand diese
neuaufstrebende Richtung einen überaus fruchtbaren
Nährboden in der Architektur, indem
jüngere, bei Seidl gebildete Architekten, wie
z. B. Theodor Fischer, für diese Bestrebungen
ein großes Interesse an den Tag legten und
sie nach Kräften unterstützten. An den
neuerbauten Schulhäusern in der Au und
in Schwabing, an der Höheren Töchterschule,
am Bismarckturrn am Starnbergersee, überall
sehen wir die Plastik als angewandte
Kunst verwendet und eine Fülle phantasie-
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