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adolf menzel
VON AUSSTELLUNGEN
UND SAMMLUNGEN
^^IESBADEN. Dank der überaus rührigen Wies-
" badener Gesellschaft für bildende Kunst erfreute
sich Preußens jüngste, aber der Steuerfähigkeit nach
zu den ersten zählende Großstadt am Schlüsse des
Vorjahres einer vom In- und Ausland gleich gut
beschickten Ausstellung, wie sie in dieser Durchschnittsqualität
selbst in größeren Kunstzentren
nicht leicht zu sehen ist; vereinigte sie doch gegen
120 Werke von circa 75 nur persönlich eingeladenen
Künstlern (darunter 30 Ausländer), die größtenteils
zu den bekanntesten europäischen Bildnismalern
zählen. Allerdings war es wohl
nur dem mit der Bremer Kunsthalle
eingegangenen Ausstellungsbündnis
zu danken, daß die
bisher gegen uns höchst reservierten
Berliner in so starker
Zahl nach dem Süden kamen;
folgte doch die Berliner Sezession
direkter Einladung Dr.
Paulis und auch die höchst
wertvolle englische Kollektion
war vorwiegend seinem persönlichen
Einfluß zu verdanken.
Konnte man nun auch die Engländer
und die besonders reich
und gut vertretenen Franzosen
zum erheblichen Teil schon
früher in Düsseldorf, Berlin und
Dresden sehen, so wirkten sie
doch hier, ausgewählt aus einer
mehrfachen Zahl, befreit von
der störenden Umgebung sonnenfleckiger
Landschaften und
durch einige treffliche Pariser
Malerbildnisse bereichert, in
den vornehm behaglichen Räumen
als ein völligneues Ganzes;
gruppiert um Zuloaga's wunderbare
»Consuelo« versetzte
die englisch-französische Abteilung
den Eintretenden sofort
in eine fast weihevolle Stimmung
; erst in Wiesbaden kam
AmanJean's seelisch und koloristisch
gleich delikater >Jean
Dampt« in seiner träumerischen
Weichheit so recht zur Geltung
, entfaltete Lucien Simon's
»Handschuhe anziehende Dame<
bei allem scheinbaren Naturalismus
den bestrickenden Zauber
ihrer auf den Gegensatz von
Blaugrau, Schwarz und Mattgold
basierten Farbenharmonie, die
den schwerblütigen Maler der
Bretonen, wie ihn auch hier
das köstlich intime Doppelbildnis
eines alten Jubelpaares
repräsentierte, kaum wieder erkennen
ließ. Modern gesehene
Bilder von gleich sicherer Vollendung
wie Simons Dame oder
J. E. Blanche's» Häkelnde
Großmutter« waren in den
deutschen Räumen kaum zu
finden. Ueberhaupt wirkten
diese in ihrem noch vielfach
unsicheren Ringen nach neuer
Ausdrucksweise gegenüber der hohen, wenn auch
etwas einförmigen Geschmackskultur des englischen
Porträts und der malerischen Bravour der
Franzosen zunächst etwas disharmonisch, trotz
mancher koloristisch sehr interessanten Leistungen
(Erler, R. Weise). Obenan stelle ich trotz aller
Wunderlichkeiten, über die Herr Meier-Gräfe sich
die Haare raufen würde, ein MädchenbildnisTHOMA's;
wahrlich, Thoma hatte Recht, zu schreiben, als er
dies Bild sandte: >ich bin ja eigentlich kein Porträtmaler
«; in der Tat vergißt man über der allgemeinen
menschlichen und künstlerischen Bedeutung
dieses Werks, das uns allein in der gesamten Ausstellung
in eine andere, höhere, reinere Welt versetzt
, und trotz der offenbar peinlich genauen
comfort chinois (1868)
adolf menzel
chinesinnen mit fasanen (1868)
Photographieverlag von Gustav Schauer in Berlin
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