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-^4^> AUGUSTE^RODIN
AUGUSTE RODIN
französischen Kritikern
haben dem Künstler begeisterte
Artikelserien
gewidmet : Gustave
Geffroy und Roger
Marx, Octave Mirbeau
und Camille Mauclair,
und in Judith Cladel ist
ihm ein weiblicher
Eckermann erstanden.
Das alles ist Kampfesliteratur
— und ein
allzu großes Gefolge
haben die Vorkämpfer
gehabt, vor dem ihnen
wohl manchmal selbst
bangen möchte. Es ist
was Schreckliches um
einen vorzüglichen
Mann, sagt Goethe in
den Wahlverwandtschaften
, auf den sich
die Dummen etwas zugute
tun. Geschmackvolle
Menschen mag vor
diesen bedingungslosen
Superlativen ein
Grauen anwandeln und
sie möchten den Künstler
gern vor seinen Freunden schützen.
Auch in Deutschland ist die Zahl der Bewunderer
Rodins ständig im Wachsen. Außer
der großen Veranstaltung, die im Weltausstellungsjahr
1900 in einem eigenen Pavillon
Rodin's ganzes Oeuvre in Paris vorführte,haben
Kollektivausstellungen in Genf, Stockholm,
Prag, Krakau sein Schaffen dem europäischen
Publikum nahe zu bringen gesucht, und in
diesem Sommer hat zum erstenmal der Künstler
selbst auf deutschem Boden, in Düsseldorf
, eine volle Uebersicht über seine Werke
gegeben, über 60 Arbeiten zusammen aufgebaut
. In Dresden und Weimar gab es gleichzeitig
kleinere Rodin-Ausstellungen. Rainer
Maria Rilke hat dem Künstler ein von warmer
Hingebung getragenes Büchlein gewidmet, und
man spürt in dem Psalmentone den wortgewaltigen
Dichter des Buches der Lieder.
Octave Mirbeau sieht in ihm einen der feinsten
und der sprühendsten cerebralen Organismen
, Charles Morice nennt sein Werk une
oeuvre de revolte et de piete, Geffroy preist
ihn als den Künstler, der mit neuen Tönen
die Tiefe der menschlichen Gefühle und die
immerwährende endlose Schönheit des Lebens
bereichert habe, furchtbar und gewaltig, zart
und keusch zugleich nennt ihn Mirbeau, und
Meier-Gräfe heißt Rodin und Michelangelo
« « DER MANN MIT DER
ZERBROCHENEN NASE
kongruente Erscheinungen
, nicht so sehr
in dem Sichtbaren, als
in dem mysteriös gemeinsamen
inneren
Schicksal ihrer Kunst.
So steht Rodin voruns.
Solch reiches Lob erscheint
schwerwiegend
und oft erdrückend —
mit nüchterner Klarheit
muß ein künstlerisches
Auge, das das
Formale vor allem
sieht, auf jeder Etappe
seines Lebenswerkes
innehalten und sich
ehrlich Rechenschaft
zu geben suchen. Es
gilt nicht mehr Rodin
zu verteidigen, höchstens
zu erklären.
Rodin ist ein Sohn
der Stadt Paris wie
Barye und Dalou. Mit
Stolz und Rührung
blicken andere Künstler
auf ihre Jugend
zurück, und selbst für
Dalou, der in härtester Arbeit, zwischen
der Kunstschule und der Fabrikwerkstatt geteilt
, seine Jünglingsjahre verbracht, ist diese
Jugendentwicklung eine Zeit, auf die er voll
Dank sah, wenn er auch ihre Werke zerstört
hatte. Rodin hat für seine Jugend eher Haß
und Verachtung. Im Jahre 1840 war er geboren
, aber bis zum 30. Lebensjahr mußte
er sich mühsam im Schweiße seines Angesichtes
sein Brot verdienen, zwei Jahrzehnte
hat er mit der Kunst gerungen, ehe sie
sich ihm offenbarte und ergab. Aber er blieb
Sieger in diesem Jakobsringen. Die ersten
kleinen Künstlerverzeichnisse des Salon, die
streng auf Tradition halten, gern die Schulzusammenhänge
betonen, damit auch noch auf
das Haupt des Lehrers ein Abglanz von dem neuerkämpften
Ruhm des Schülers falle, nennen
ihn Schüler von Barye und Carrier-Belleuse.
Aber Rodin hat nur ganz kurze Zeit in dem
kleinen Museum zugebracht, in dem der große
Schweiger Barye seine Schüler versammelte —
der trockene Unterricht konnte ihm nichts
geben; doch ohne es zu wollen, ist er in
Jenes Stil hineingewachsen: die wilden Verschlingungen
der tierischen Leiber, die sich
aufbäumend fast zu erdrosseln scheinen, hat
er aus des Meisters Kunst in das Gebiet der
Menschendarstellung versetzt — denkt man
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