http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_11_1905/0465
~^4^> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^=^
des Komponisten
Pfitzner, die man von
der Großen Berliner
Kunstausstellung her
schon kennt.
Es scheint doch
noch mehr gute Menzels
zu geben, als
man im allgemeinen
annimmt. In Ed.
Schuttes Kunstsalon
siehtman wenigstens
gleich vier prächtige
Aquarelle, von denen
zwei, »Die drei Domherren
in einem Kircheninterieur
« von
1887 und die Gesell-
schaftsscene »Auf
der Brüstung des
Weißen Saales im
Schloß zu Berlin«
von 1867 mit der
schönen Dame in
Rot, die das Leben
undTreiben im Saale
beobachtet, mit den
Diplomaten und Militärs
und mit der
boshaft genug geschilderten
dicken
Dame in Weiß allerdings
schon bekannt
sind. Aber wer hat
diese 1855 entstandene
>Ruine Rheinfels
« gesehen? Sie
ist von irgend einem
Gewölbe aus dargestellt
, in das durch die
öden Fensterhöhlen in breiten Strahlen das Tageslicht
dringt. Durch eine Türöffnung blickt man ins Freie, wo
aufeinem Altan ein Pärchen, steht und die Aussicht genießt
. Die Wirkung der Lichtstreifen in dem dunklen
Raum ist erstaunlich gut herausgebracht. Das vierte
Aquarell stellt einen behäbig sitzenden Gutsbesitzer in
der Mütze vund vor ihm stehend einen eleganten
Herrn mit einem Cylinderhut dar, die sich eifrig
unterhalten. Es sind, wie Menzel auf dem Blatt
vermerkt hat, nach der Erinnerung am 29. Januar 1849
gemalte »Urwähler«, damals eine neue Kategorie
von Menschen, die man dem Revolutionsjahre 1848
verdankte. Diese unbekannten beiden Aquarelle
gehören unzweifelhaft zu den besten Arbeiten, die
man von Menzel sehen kann. Weniger bedeutend
sind ein paar Zeichnungen von Segantini, sehr
gut dagegen ein lenbach'scher »Bismarck« von
1888, fast im Profil dargestellt, im schwarzen Rock
und mit der Pfeife. Nur die Hände sind nichts
wert. Auch der auf Pappe skizzierte »Böcklin« von
1874 darf als ein guter Lenbach gelten. Der Düsseldorfer
Max Clarenbach hat eine etwas dürftige
Kollektion von Landschaften gesendet. In einige
von diesen hat Hans Kohlschein Staffagen hineingemalt
. Man möchte den gewiß begabten Landschafter
nicht nach diesen Verkaufsbildern beurteilen
. Kennt man hier doch Besseres von ihm.
Dafür entschädigt wieder Leistikow mit drei schönen
Märkischen Landschaften, die allerdings keine
neuen Wesensseiten des ausgezeichneten Künstlers
offenbaren. Wenn eine allgemeine Ernüchterung
gegenüber Böcklin leider mehr und mehr um sich
greift, hängt das damit zusammen, daß man mit
herm. groeber
Frühjahrausstellung 1905
Grauen sieht, wie
sein Beispiel etwa
auf Leute wie Hermann
Frobenius
gewirkt hat. Das sind
freilich die leuchtenden
Farben, die man
von Böcklin kennt,
aberin der trivialsten
Weise zum Ausmalen
von Bilderbogendarstellungen
verwendet
. Der geniale
Schweizer Meister
würde mit Füßen in
diese Bilder treten,
in denen man die elementarsten
Kenntnisse
von der natürlichen
Welt vermißt,
wo Schnee wie Seife,
Marmor wie Pappe
und Menschen wie
gefühllose Puppen
aussehen. Ob da Sula-
mith zum König Sa-
lomo zurückkehrt,
Oswald von Wolkenstein
eine Burgfrau
mit Geigenspiel zu
bezaubern sucht oder
ein Puppenkönig einer
Puppenkönigin
sein Puppenreich im
Schnee zeigt — ein
Bild ist wie das andere
eine Beleidigung
für die Augen,
ein Schlag gegen das
Andenken Böcklins.
Da ist ja fast die geschmacklose Wald- und Wiesenkunst
, die Thomas Riss treibt, erträglicher. Freilich
haben dessen Landschaften, Köpfe, sein Eremit und
seine Faunsfamilie mit Malerei so gut wie nichts
zu tun. In Ludwig Bartnings Bildern ahnt man
einen poetischen Menschen, der gern die leisesten
und höchsten Empfindungen ausdrücken möchte; so
in dem einen seiner Werke das Gefühl, mit dem ein
von Blindheit Geheilter den Anblick der Gotteswelt
begrüßt; in einem anderen Maria Magdalenens visionäres
Begreifen des Wunders, daß sie den Auferstandenen
vor sich sieht. Aber die Idee geht stets
so weit über das Vermögen Bartnings hinaus, daß
er das, was Kunst heißt, sei es ausdrucksvolle Gestaltung
, sei es Malerei, einfach schuldig bleibt und
man eben nur noch seine hohen Absichten erkennen
kann. Hier ringt eine Menschenseele nach Aufschwung
, vermag aber die Materie nicht zu überwinden
. In der Kunst kann die Seele jedoch am
wenigsten ohne einen gesunden und geschickten
Körper etwas wirken. Immerhin verhält sich Bart-
ning zu Frobenius wie ein Mann von vornehmem
Charakter gegen einen billigen Streber. Eugen
Spiro hat gewiß den herzlichen Willen, ein tüchtiger
moderner Maler zu sein, aber er schwankt unentschlossen
zwischen Stuck und Manet hin und her,
ist, um jenen zu erreichen, zu temperamentlos und
besitzt, um diesem nachzugehen, nicht genug Feinfühligkeit
des Auges. Seine »Schwestern«, die man
im vorigen Jahre in München sah, sind eine höchst
langweilige Schöpfung. Selbst sein Salome-Kopf, zu
dem ihm seine schöne Gattin Tilla Durieux, die
rassige Darstellerin der Wildeschen Gestalt, ihre Züge
kommunikantinnen
der Münchener Sezession
Die Kunst für Alle XX 385 49
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_11_1905/0465