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LEO PUTZ
BEGEGNUNG
DIE MUNCHENER KUNSTLERVEREINIGUNG „SCHOLLE
Von Hans Rosenhagen
II.
Ein festes Band verbindet die Künstler
der „Scholle" untereinander: die gemeinsame
Schule. Mit Ausnahme der beiden Erler
und Robert Weises haben sie den wichtigsten
Teil ihrer künstlerischen Erziehung auf
der Münchner Akademie bei Paul Höcker
genossen. Noch heute bekennen die meisten
von ihnen freudig, diesem anregenden Lehrer
ihr Bestes: ihre Vielseitigkeit, ihre Unbefangenheit
und ihre Anschauungsweise zu verdanken
. Höcker unterschied sich von den
meisten Akademieprofessoren dadurch, daß
er nicht den geringsten Wert darauf legte,
von seinen Schülern nachgeahmt zu werden.
Er wollte sie zwar belehren, aber nicht bestimmen
, den von ihm gewählten Weg für
den glücklichsten zu halten. Sein ganzes Bestreben
war darauf gerichtet, die individuellen
Fähigkeiten der jungen Leute zur Entwicklung
zu bringen und sie im allgemeinen und besonderen
für das Wahre und Aufrichtige in
der Kunst zu begeistern. Sie sollten vor
allem ordentlich sehen lernen. Immer und
immer wieder verwies er sie auf die Natur als
auf die alleinige und unfehlbare Lehrmeisterin.
Sobald es die Jahreszeit zuließ, ging er mit
ihnen aufs Land, wo er nicht nur Landschaften,
sondern auch Akte und Köpfe im Freien malen
ließ. Dabei hielt er darauf, daß schon bei den
Studien die Gesetze der bildmäßigen Wirkung
beachtet und befolgt wurden. Und nicht nur
tagsüber vor der Staffelei, auch abends, wenn
er als Kollege und Freund mit den Schülern
in froher Tafelrunde saß, wußte er in anregender
Weise mit ihnen über ihre Arbeiten,
über Kunst und künstlerische Aufgaben zu
sprechen. In der winterlichen Komponierschule
wurden dann die begonnenen Bilder
vollendet; aber er sah es auch gern, wenn
die jungen Leute erhaltene Aufträge für Illustrationen
, Plakate und dergleichen dort ausführten
, wobei er ihnen bereitwillig mit Rat
zur Seite stand. Daß die Schüler durch diese
Methode vor jeder Einseitigkeit bewahrt bleiben
mußten, ist klar. Konnte Höcker auch nicht
aus jedem einen großen Künstler machen,
Die Kunst für Alle XX. 18. 15 . Juni 1905.
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