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^=^> MEIER-GRAEFE CONTRA BOCKLIN <ös^-
lich starke künstlerische Position zu schaffen.
Die „Scholle" hat in die deutsche Kunst
einen neuen frischen Zug gebracht — möchte
sie sich nun nicht an diesem einen Erfolge
genügen lassen, sondern versuchen, durch Konzentration
der Kräfte, durch zielbewußte ernsthafte
Arbeit erzieherisch zu wirken, damit
die von ihr ausgehende Anregung der deutschen
Kunst als dauernder Gewinn und zukünftigen
Geschlechtern in dankbarem Gedächtnis
verbleibt.
GEDANKEN ÜBER KUNST
Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit; und von
der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft
der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.
Schiller im 2. Brief »lieber ästhetische Erziehung' (1795)
*
Das wahrhaft Schöne gründet sich auf die strengste
Bestimmtheit, auf die genaueste Absonderung, auf
die höchste innere Notwendigkeit; nur muß diese
Bestimmtheit sich eher finden lassen, als gewaltsam
hervordrängen. Die höchste Gesetzmäßigkeit muß
da sein, aber sie muß als Natur erscheinen.
Schiller »Lieber die notwendigen Grenzen
beim Gebrauch schöner Formen« (1795J
MEIER-GRAEFE CONTRA BÖCKLIN
Julius Meier-Graefe hat ein Buch von 270 Seiten
geschrieben, worin er den Nachweis antritt, daß
es nichts ist mit Arnold Böcklin.*) Titel und Grundgedanke
ist eine Anleihe aus Nietzsches »Fall Wagner«
und es war auch Meier-Graefe ursprünglich ein Verehrer
desjenigen, den er nun verdammt; aber Wenige
werden den Eindruck erhalten, daß es ihm mit dem
ersten wie mit dem zweiten Standpunkt ebenso ernst
war wie einem Nietzsche. »Odi profanum vulgus et
arceo«, das ist der Ton, in dem Meier-Graefe einen
Böcklin, einen Klinger und damit obendrein noch
seine eigenen früheren Ansichten verdammt. Seine
jetzigen aber sind schon von anderer Seite als die
Wahrheit über Kunst vorgetragen worden, bevor er sie
öffentlich vertreten, vielleicht bevor er sie gehabt hat.
Meier-Graefe glaubt wie Lessing im Laokoon sagen
zu können, was in der Malerei erlaubt ist und was
nicht. Das Maß aller Kunst ist für ihn allerdings
nicht eine falsche Vorstellung der antiken Kunst,
es ist vielmehr die Kunstanschauung der Freilichtmaler
, genauer die der älteren. Zu diesen gehören
wenigstens fast alle, die als die Gottbegnadeten
unserer Tage hingestellt werden, wie Manet, Monet,
Degas, Lautrec und Max Liebermann. Die Jüngeren
*) Meier-Graefe, J., Der Fall Böcklin und die Lehre von den
Einheiten. Stuttgart, 1905 (Verlag Julius Hoffmann). 3 M.
M A X FELDBAUER
BRAUNER HENGST
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