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-*^> MEIER-GRAEFE CONTRA BÖCKLIN *C^=s-
WALTER PÜTTNER
BAUERNMÄDCHEN
wollen auch in Frankreich wieder etwas wesentlich
anderes und Meier-Graefe beklagt das Absterben
der Malgenies in fast allen Ländern (S. 217). Die Ausführungen
unseres Parisers von wenigen Semestern
erinnern etwas an jenen französischen Forschungsreisenden
des 18. Jahrhunderts, der bei Anlaß der
Ruinen von Persepolis erklärte, er habe in
ganz Persien kein Palais gesehen, so schön,
wie man es in Frankreich doch auch in
kleineren Städten finde.
Der Verfasser stellt jetzt den Künstler
schon als Persönlichkeit sehr tief, das heißt
er hält ihn für einen Tropf, der >wie alle
kleinen Geister* stets in seinem Urteil von
rein persönlichen Dingen abhing (S. 210),
»eine beschränkte Persönlichkeit« (S. 165)
»Botaniker im Sinne eines vergröberten Rus-
kins« (S. 223). Böcklin gehöre in eine Reihe
mit den englischen Praeraffaeliten und Franzosen
wie Moreau, die der Verfasser auch
verdammt; er habe viel mit Alma Tadema
gemein, aber er stehe doch tief unter diesem,
er stehe an Kunstverständnis auch tief
unter dem Verfasser des Laokoon. »Er (Böcklin
) vereint in seiner Person alle Sünden der
Deutschen gegen die Logik der Kunst. Er
ist das Resultat der Rasse anhaftender, lange
geübter Irrtümmer und wurde zur Veranlassung
neuer Trugschlüsse« (S. 197). Es soll
auch Thoma, Klinger usw. getroffen werden.
»Wenn man an seinen Froschkönig denkt,
erscheint alles, was uns der Imperialismus
unserer Tage beschert hat wie gelindes
Lächeln« (S. 141). Bezeichnend für Böcklins
kindlich harmlose Denkungsart seien seine
Ideen über die Konstruktion einer Flugmaschine
, sein Glaube, daß auf der Sonne
gute Geister wohnen. »Das Unvollkommene
seines Wesens tritt uns in allen seinen Betätigungen
entgegen.« »Wie er malte, so im Prinzip
bildhauerte, dachte, schrieb und sprach er« (S. 140).
Gegen den Schluß des Buches wird der Verfasser
pathetisch: »Kein Band zwischen dem Heiligsten
und der Menschheit, das nicht durch den Kultus
dieses Pseudopriesters zerrissen würde.« (S. 266oben.)
»Ich liebe den Bauern, der nur an seinen Acker
denkt und freue mich des Börsianers, der mir vertraulich
zu verstehen gibt, daß die leichtesten Künste
nicht die schlechtesten sind, aber bedenklich erscheinen
mir die Kunstfreunde, die Böcklin und
Rembrandt gleich beglückt verehren.« (S. 266 unten).
»Odi profanum vulgus et arceo.«
Es gibt wohl einige Stellen, wo Meier-Graefe andeutet
, daß Böcklin doch eine vorübergehend befreiende
Wirkung ausgeübt habe, daß er vielleicht im
Lichte späterer Jahrhunderte in irgend einem Sinne
als Kulturgut erscheinen könnte, allein es ist ihm mit
diesen Stellen offenbar weniger ernst als mit den
anderen. »Die Art (Böcklins) ist es, die keinerlei
Wertung zuläßt und deshalb ist Böcklin überhaupt
kein Wert im strengen und gerechten Sinne« (S. 220).
Der Verfasser nimmt sich die Mühe, diese Wertlosigkeit
durch eine umständliche Beweisführung
zu erhärten. In seiner Lehre von den Einheiten
vertritt er die Anschauung, mit der die Kunstwissenschaft
seit Jahrzehnten als einer Tatsache
rechnet, daß nicht bloß jedes Kunstwerk ein einheitlicher
Organismus sein müsse, sondern auch
jedes Künstlerindividuum von Anfang eine ganz
bestimmte persönliche Note bringt und daß sogar
die Folge verschiedener Persönlichkeiten eine einheitliche
Entwicklung aufweist. Seit dem 15. Jahrhundert
beginne nun eine Entwicklungskette (der
zweite »Entwicklungsstrang«), der mindestens seit
dem 17. Jahrhundert alle großen Meister angehören
und die zur immer konsequenteren Ausbildung
der Freilichtmalerei führe. Die frühere Entwicklung
der Malerei (der erste »Entwicklungsstrang«) habe
zwar auch Kunst hervorgebracht, aber heute gebe
MAX FELDBAUER
GESPANN
Die Kunst fUr Alle XX. 433 55
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