http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_11_1905/0607
-m«4s£> KÜNSTLERBUND-AUSSTELLUNG 1905 IN BERLIN
fritz klimsch
büste
Künstlerbund-Ausstellung 1905 in Berlin
der Kopf eigentlich aus ganz merkwürdigen
Wülsten zusammengesetzt ist und der Knochen
entbehrt. Es steckt mehr Menschlich-Interessantes
als künstlerisch Befriedigendes in
allen diesen plastischen Schöpfungen des
Leipziger Meisters. Das gilt vor allem auch
für den hier ausgestellten Entwurf für das
Wiener Brahms-Denkmal. Der Einfall des
Künstlers, das Eigene, Zurückgezogene des
Komponisten dadurch zum Ausdruck zu
bringen, daß er ihn in einem Aussichtstempelchen
plaziert, wo Brahms bequem auf
der dort an der Balustrade
entlanglaufenden Bank sitzt
undin die Landschafthinaus-
träumt, ist an und für sich
reizend, aber es ist nicht
der Einfall eines Bildhauers,
sondern der eines Poeten.
Um den Komponisten zu
sehen, müßte man am Ende
doch die hohe an das Rundtempelchen
im Bogen sich
schmiegende Treppe hinaufgehen
. Der Gedanke, daß
Kindermädchen mit ihren
Babies und allerlei Volk das
tut und sich neben den bronzenen
Brahms setzt, liegt
ganz nahe, und er ist schrecklich
. Es gibt sicher plastische
Ideen, die auch eine
geistige Bedeutung haben;
aber Klinger fällt fast immer auf die schönen
Ideen, die plastisch nicht ausgedrückt werden
können. Das berührt besonders seltsam bei dem
Manne, der eine so scharfsinnige Untersuchung
über Griffelkunst und Malerei angestellt.
Zu erwähnen bliebe noch, daß Kolo Moser
und Joseph Hoffmann einige entzückende
Proben von modernem Wiener Kunstgewerbe
zeigen und daß eine kleine, aber ergebnisreiche
graphische Abteilung vorhanden ist.
Der hier gegebene Ueberblick wird erkennen
lassen, daß die zweite Künstlerbund-
Ausstellung nicht nur reichhaltig und vielseitig
ist, er hinterläßt auch wohl den Eindruck, daß
sie nach vielen Seiten hin Anregungen bietet.
Man wird ferner die Empfindung haben, daß
sie den Besucher ziemlich zuverlässig über den
augenblicklichen Zustand der deutschen Kunst
orientiert, und sich freuen, daß hier endlich
einmal wieder alle die Richtungen gleichmäßig
zu Wort kommen, die das Bild der deutschen
Kunst so vielgestaltig erscheinen lassen. Der
Kampf der Richtungen untereinander, der ja
der Ursprung alles Guten auch in der Kunst
ist, soll und kann durch die Künstlerbund-Ausstellungen
nicht aus der Welt geschafft werden
. Aber diese werden dadurch eine wohltätige
Wirkung ausüben, daß sich die Gegner
auf neutralem Boden begegnen, besser kennen
und daher gegenseitig achten lernen. Mit
dieser gegenseitigen Achtung aber wird das
Ansehen der deutschen Kunst nach außen hin
wachsen und sie aus einem unklaren Begriff
eine moralische Macht werden. Dadurch wird
aber für ihre Stellung dem Auslande gegenüber
mehr gewonnen, als man noch vor kurzem
erwarten durfte.
hermann hahn
bayern (figur von der prinzregentenbrücke
in münchen), gips ««««•««
Künstlerbund-Ausstellung 1905 in Berlin
523
65*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_11_1905/0607