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DIE GROSZSTADT, DAS NATURGEFÜHL^UND DIE LANDSCHAFTSKUNST
Arbeit erzeugte und
speicherte Spannungsgefühle
auf, die sich an
konträren Eindrücken
entladen mußten, sollten
sie ihren seelischen
Kondensator
nicht sprengen oder
mindestens dauernd in
seiner Leistungsfähigkeit
beeinträchtigen.
So wirkte die zunehmende
periodische
Stadtfluchtseelisch regelnd
und beschwichtigend
ein. Sie stand
durchaus im Zeichen
des Kontrastes und
zwar des ästhetischen
Kontrastes: Mitren aus
dem Lärm der Stadt
in die Stille des Waldes
,ausdenengen Perspektiven
der Stras-
sendurchblicke,anden
unendlich scheinenden
Horizont des Meeres
, in die Fernsicht
weit über Berg und
Tal. Und die Erweiterung
des äußeren
Horizontes, die Beruhigung
der Sinnesnerven
führte, schein-
barnebenher, in Wahrheit
aber als zentrales
Gut der psychologischen Entwicklung eine ungeheure
Vergrößerung des Schatzes an persönlichen
Naturvorstellungen mit sich. Schiller
kannte aus eigener Wahrnehmung weder die
Alpen noch das Meer; Hunderte seiner gebildeten
Zeitgenossen ebensowenig. In der Generation
der letzten Jahrzehnte zählen die Besucher
des Meeres und Gebirges nach Hunderttausenden
bis tief in die untersten Volksschichten
hinab. Der Sinn für die Wirklichkeit
der Natur ward gleichsam stoßweise ausgebildet
, in Pendelschwingungen von regsamster
Geschäftigkeit zu hingegebenster Stimmungssucht
. Die Einsamkeit, die Stille oder aber
die machtvollen rhythmischen Geräusche der
Natur wurden als etwas Neues und Köstliches
empfunden. Schon der zweite Mensch galt
als zuviel. So reizsam war die Romantik
bei weitem nicht gewesen; sie hatte, wie sie
von literarisch-geschichtlichen Erinnerungen
ausgegangen war, in allem, was ihr als „malerisch
" galt, doch immer als erstes und bewußt
poetische Vorstellungen
in die Natur
hineingetragen, hatte
malerisch-poetische
Assoziationen in hochgestimmter
Gemeinschaft
wandernd genossen
. Im modernen
Naturgefühl aber, wie
es sich im Kontrast
zum städtischen, zum
großstädtisch gesteigerten
Leben und aus
ihm heraus entwickelt
hatte und noch entwickelt
, überwiegt das
Bedürfnis nach direkten
Lusteindrücken,
nach einer erlösenden
Stimmung der Seele
durch die Natur selbst.
Dieses moderne Naturgefühl
stellt sich
also dar als im wesentlichen
individualpsy-
chisches Produkteiner
spezifisch malerisch
und musikalisch gestimmten
seelischen
Gesamthaltung.
(Der Schluß folgt im
nächsten Heft)
HERMANN HAHN BILDNISHERME
Künstlerbund-Ausstellung 1905 in Berlin
GEDANKEN ÜBER KUNST
Alles beruht auf Gesetzen in der Natur, und
diese zu berücksichtigen, ist unsere Aufgabe. Es muß
uns Ernst sein! Wie Masaccio der erste war, der
in der Malerei das eine Bein von dem andern frei
machte und es weiter vor als das andere stellte,
so hat auch einer die Skala der Farben gefunden,
aber erfunden hat weder Masaccio, noch sonst jemand.
Moritz v. Schwind
*
Heutzutage können nur noch einzelne an dem
Meister hängen, aber nicht ganze Schulen. Das
war in Jahrhunderten und in Verhältnissen der Fall,
die längst vergangen sind. Was liegt auch daran,
wenn es nicht mehr geht? Schüler brauchen wir
nicht zu bilden, aber tüchtige Künstler müssen wir
erziehen. Moritz v. Schwind
Daß es Vers und Prosa in der Malerei gibt,
wissen die meisten nicht, und wie sehr muß da
geschieden werden! Es wird doch niemandem einfallen
, eine Novelle in Versen zu schreiben und ein
Epos in Prosa. Was wäre es geworden, wenn Homer
seine Ilias und Odyssee in Prosa geschrieben hätte!
Moritz v. Schwind
Die Kunst fllr Alle XX.
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