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-s?4sö> EIN NEUES GRABMAL VON HERMANN OBRIST
Kunst und dem kleinlichen Ausdruck unserer
unglücklichen, unruhigen Wahl aller — nicht
eigentlich zu Grabmälern geeigneten - - Vorbilder
werden aufs nachhaltigste wachgerufen
durch Hermann Obrists Erbbegräbnis.
Wenn auch die beste Abbildung von diesem
Monumente, zumal es noch nicht an dem
Orte seiner Bestimmung errichtet ist, längst
nicht alle Empfindungen, die das Original in
uns auslöst, wecken kann, so wird doch die
Betrachtung schon der Silhouette den großen
künstlerischen Gehalt des OßRiSTschenWerkes
fühlen lassen können, wenn Zweck, Ort und
die wichtigsten Momente der künstlerischen
Entstehungsgeschichte des Kunstwerks in
Erwägung gezogen werden. —
Die Form des Denkmals überrascht zunächst
; die uns geläufigen Vorstellungen eines
„schönen" Grabdenkmals versagen vollkommen
. War es Obrist nun etwa darum zu
tun, durchaus nur etwas, was noch nicht dagewesen
, hinzustellen? Wer Obrists heilig
ernste und wahrhaftige Schaffensweise nur
einigermaßen kennt, wird überzeugt sein, daß
nicht die Absicht, etwas Originelles zu
schaffen, vorhanden war, sondern daß der in
Empfindung und Erwägung immer Schritt
für Schritt vorwärtsschreitende Künstler aus
innerer Gesetzmäßigkeit heraus diese Form
für dieses Monument gefunden hat.
Es ist ein Grabdenkmal für einen Einzelnen,
das aber gleichzeitig die Gräber der nach
ihm sterbenden Seinigen schützend umschließen
soll. Es ist also ein Doppeltes:
Grab und Grabesumfriedung.
So wurde dem Künstler die Form schon
durch dies Zweifache gegeben, doch noch
mehr wirkte bestimmend auf die Gestaltung:
Terrain und Klima.
Die Grabmalsanlage wird auf abschüssigem
Terrain in kahler, rauher Mittelgebirgslandschaft
errichtet, also in einer Landschaft, die
mehr Tage voll Wind und Wetter, Schnee
und Regen als Sonnenschein kennt. So
wird nun an der Wetterseite des Denkmals
der Wind sich brechen können, und die das
Grab besuchen, finden in den tiefen Nischen
neben der Grabeskammer willkommenen
Schutz. Wie schön wird also das Friedliche
, Schützende betont. Sollte diese Betonung
übertrieben sein? — Das Grab dient
der Bewahrung und der Erinnerung eines
Mannes, der für die ganze Gemeinde der
immer sorgende Schutzherr gewesen. Darin
liegt die Monumentalität der Allegorie auf
Persönlichkeit und Zweck, die der Künstler
schon in so manch anderem Werke gefunden.
Der Mann aber, dem das Grab, und dessen
Angehörigen es dient, war stolz, aus sich
selbst heraus groß geworden zu sein. Kein
hochragendes Denkmal, fürstlichen gleich,
wäre ihm entsprechend. So erscheint mir
mit Recht in dem Grabmal ein Stolz, der
mit dem des Autochthonen nahe verwandt,
kraftvollen Ausdruck gefunden zu haben, und
wie ein Fels, der aus dem Land sich erhoben,
wird es weithin in trostloser Gegend eine
Stätte des Schutzes, des Friedens und der
Sammlung bezeichnen.
Aber nicht einer Generation nur wird es
ein Grabmal bedeuten, schlicht und massig
wie ein Hünengrab, doch von vertieftester
künstlerischer Gestaltung, kann es trotzen
den Stürmen der Jahrhunderte, ohne daß es
ganz den Reiz der schlichten aber bedeutungsvollen
plastischen Formen verlieren kann.
Wie Obrist schon längst für die ewig verschlossene
Aschenurne einen Typus erfunden,
so hat er mit diesem Werke, das in seiner
Abbildung ruhig Viele noch eine Weile verblüffen
mag, eine künstlerische Grabesform
für eine bestimmte Persönlichkeit, für nordische
Landschaft gefunden.
Mit diesen Worten konnte nur auf einen
Teil des künstlerischen Wertes des neuen
OßRiSTschen Werkes hingewiesen werden.
Möchten jedoch diese wenigen Worte schon
zum Nachdenken anregen über die große, erhebende
, innere Verwandtschaftdieses OßRiSTschen
Grabes mit jenen monumentalen Grabstätten
, die kultur- und kunstreiche Völker vor
Jahrtausenden errichtet. Bei diesem Vergleiche
wird der Reichtum des OßRiSTschen Gestaltungsvermögens
den noch mehr überraschen,
der von der Einfachheit des Denkmals zunächst
verblüfft war. dr. e. w. bredt
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