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-ö»4^> DER WEG UND DAS ENDZIEL DES KUNSTGEWERBES <^^~
Diese erste Periode des deutschen Kunstgewerbes
spielte sich im wesentlichen im
Formenkreis der deutschen Renaissance mit
geringem Einschlag der gotischen Kunst ab.
Wir erinnern uns alle jener cuivre-poli-Schreib-
zeuge mit altdeutschen Ornamenten, der Gashängelampen
mit eckiggotischem Schmiedewerk
, der altdeutschen Stickereien, der Lederpunzarbeit
. Das Mobiliar schwenkte in seiner
Gesamtheit in diese Bahnen ein. In der
niedersten gewerblichen Tagesproduktion lebt
es als „Muschelgarnitur" auf der damals geschaffenen
Grundlage noch heute weiter. Im
übrigen aber trat bald eine Aenderung ein:
das durch die Mode geleitete Abwechslungsbedürfnis
lenkte auf die Nachahmung andrer,
vorwiegend späterer Stile, des Barock, der
französischen Stile der Ludwige, des Empire.
Dem Grundsatz, auf die Nutzform historische
Stilformen aufzuheften, blieb das Kunstgewerbe
aber durch alle Stilwandlungen treu.
Es war um die Mitte der neunziger Jahre,
als einigen Künstlern plötzlich die Augen
darüber aufgingen, daß das so nicht weiter
gehen könne. War das ewige Wiederkauen
vergangener Formen schon an sich eine
zweifelhafte Betätigung, so wurde sie schließlich
geradezu entehrend, nachdem die Mode
die Künstler von einem Stil zum andern zu
hetzen begonnen hatte. Das erregte einen
Widerwillen gegen die historischen Stile überhaupt
. Dazu kam, daß eben von England
her Erzeugnisse bekannt wurden, an denen
man zu seiner Ueberraschung eine völlige
Emanzipation von den historischen Stilen
erblickte. Das Beispiel Englands wirkte
zündend. Man sah dort statt der historischen
Formen „neue Formen" und zwar vorwiegend
solche, die aus dem Studium der Pflanzenwelt
gewonnen waren. Ein Jauchzen begrüßte
in Deutschland diese Entdeckung.
Man warf sich sofort mit aller Energie auf
das Studium der Pflanze und entwickelte
formale Gebilde aus ihr. „Neue Formen"
und „Pflanzenstilisierung" wurden die
Schlagworte des Tages. Es ist erstaunlich,
mit welch elementarer Gewalt das Studium
der Pflanzenform (und in der Folge das Naturstudium
überhaupt) die historischen Stile
vertrieb. Niemand konnte etwas dafür oder
dagegen tun. Binnen wenigen Jahren waren
sie an fast allen Kunstgewerbeschulen hinweggefegt
, und an ihre Stelle waren stilisierte
Naturformen getreten. Der neue Glaube an
die Natur hielt seinen Siegeseinzug.
Es tat dabei nichts, daß auch an der
Pflanzenstilisierung von gewisser Seite sogleich
wieder gerüttelt wurde. Man fand das
„Blümchenornament" zu kindisch und setzte
den individualistischen Schnörkel an seine
Stelle. „Gegenstandsloses Ornament"
wurde von einer Partei als Gegenparole ausgegeben
. Wie weit nun der Schnörkel wirklich
gegenstandslos oder gegenständlich sein
mochte, die Tatsache blieb bestehen, daß der
Schmuckkünstler die gedankenlose Reproduktion
der historischen Formen verlassen
hatte. Er war zur Quelle aller künstlerischen
Anregung, der Natur, hinabgestiegen. Und
das bedeutete eine künstlerische Revolution
sondergleichen.
Eins war bei dieser Revolution bezeichnend
, daß — mit wenigen Ausnahmen —
Maler es waren, die von diesem Augenblicke
an als Führer auftraten. Der Umstand, daß die
Malerei die herrschende Kunst unserer Zeit
war, die Kunst, in der noch tätiges Leben
herrschte, und die, wenngleich auf das kleine
Spezialgebiet des Tafelbildes beschränkt, noch
in kräftiger Blüte stand, machte sich hier
insofern vorteilhaft bemerkbar, als er das
Einschlagen neuer Wege ermöglichte, die zu
beschreiten dem engeren Fache nicht mehr
möglich war.
Zweifellos ist nun durch die Entwicklung
eines neuen Ornaments und neuer Gestalt ungs-
formen an Stelle der wiedergekauten historischen
eine große Tat geleistet worden, eine
Tat, die die Geschichte unserer Zeit einst
hoch anrechnen wird. Neues Leben blühte
plötzlich überall aus den Ruinen der alten
Kunst empor. Und damit war überhaupt eine
neue Zeit für das Kunstgewerbe heraufgekommen
. Alles gährte und drängte hier
nach Gestaltung, eine neue sprudelnde Tätigkeit
begann, die Maler traten in Scharen zum
Kunstgewerbe über, das Publikum faßte Interesse
am Kunstgewerbe, kunstgewerbliche
Zeitschriften schössen überall aus dem Boden
hervor. Das Unerhörte trat ein: das
Kunstgewerbe errang sich in der Vorstellung
des Volkes einen Platz neben der bisherigen
privilegierten Monopolkunst, der Malerei. Es
trat beinahe vollwertig neben sie.
In dem regen, rasch pulsierenden Leben
machte auch die innere Entwicklung des
Kunstgewerbes ungeahnt rasche Fortschritte.
Nachdem man jahrzehntelang mit den historischen
Formen äußerlich dekoriert hatte, nachdem
man auch mit den „neuen Formen" sich
anfangs weidlich an der Oberfläche der Dinge
gehalten hatte, stieg jetzt die Erkenntnis auf,
daß in dieser Dekorierung mit Ornament
nicht die Vollendung aller Dinge erblickt werden
könne, ebensowenig, wie das Kunstgewerbe
mit der Erfindung neuer ornamentaler
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