http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0205
^s^> DER WEG UND DAS ENDZIEL DES KUNSTGEWERBES <^=u=^-
JOHAN THORN-PRIKKER WANDUHR
ganze Gebiet der fabrizierenden Industrie
der Kunst zuführen.
Auch hier übrigens handelt es sich mehr
oder weniger nur darum, etwas bewußt zu
tun, was bisher in den Leistungen des Maschineningenieurs
schon unbewußt geschehen
ist. Ein Zweirad, eine Arbeitsmaschine, ein
Dampfschiff sind künstlerisch einwandfreie
Gebilde. Nur in dem Versuche der Maschine,
die bisherige Handarbeit zu imitieren, hatte
das Gefährliche ihres Einflusses und die verheerende
Wirkung, die sie auf die gewerbliche
Lage der Zeit ausübte, gelegen.
Die beiden Probleme, die künstlerische
Gestaltung auf der einen Seite (Empfindungskunst
) und die rationelle Gestaltung
auf der andern (Sachkunst) bewegen jetzt
das Kunstgewerbe. Auf den ersten Blick
mögen sie unvereinbar erscheinen, wie Oel
und Wasser. Die Ansichten sind hier sehr verschieden
. Der eine verlangt das über den Zweck
Hinausgehende — das „Ueberflüssige" — als
Merkmal der Kunst, der andere will alles
Ueberflüssige als nichtsachlich entfernt sehen.
In Wahrheit haben beide Standpunkte ihre
Berechtigung. Bei der Verschiedenheit der
Veranlagung der einzelnen Künstler kann die
Verschiedenheit der Gestaltungsziele nicht
weiter überraschen. Es ist sogar gut, daß beide
Richtungen vorhanden und anerkannt sind
und im Wollen unserer Zeit ihre Rolle spielen.
Die Richtungen werden sich gegenseitig ergänzen
, unterstützen und in ihrer Generalsumme
schließlich zu einer Einheit verschmelzen
. Denn es ist ebenso unmöglich,
reine „Sachkunst" (das Wort selbst ist eine
logische Unmöglichkeit) hervorbringen, als
sich in der angewandten Kunst allein von der
Phantasie leiten lassen zu wollen. Solange
unsere bildende Hand von unserm menschlichen
Geiste dirigiert wird, werden alle
ihre Bildungen menschliches Gefühl verkörpern
, und solange ein Zweck erfüllt werden
soll, wird der menschliche Intellekt darauf
ausgehen, zweckmäßig zu gestalten. Es ist
nur eine Frage des proportionalen Anteils
beider Elemente, die hier vorliegt.
Wie sehr im übrigen, trotz aller Neigungen
zum Phantastischen, doch das Praktische,
Sachliche, Rationelle unser modernes Denken
und Fühlen beeinflußt, das zeigen einige
wichtige Begleiterscheinungen der kunstgewerblichen
Bewegung. Eine solche ist z. B.
das mit ihr eingetretene Verständnis für
die Schönheit der Maschine und für
die Werke des Ingenieurs. Man kann
den Zeitpunkt, an welchem in Deutschland
das Erkennen der Schönheit der Maschine
allgemein wurde, ziemlich genau angeben, es
war auf der Düsseldorfer Ausstellung von
JOHAN.C; ALTDORF « GESCHNITZTE FÜLLUNG
VOM KINDERBETT AUF SEITE 187 «« «
189
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_12_1905/0205